curiositas | Interessantes und Kurioses aus dem Mittelalter

Mittwoch, 14. September 2016

Das ottonisch-salische Reichskirchensystem - gab es nicht

Das „ottonisch-salische Reichskirchensystem“ findet sich in fast jedem Schulbuch. Meist zusammen mit einem kleinen Schaubild wird dazu die These von Leo Santifaller präsentiert: Kaiser Otto der Große habe die Bischöfe seines Reiches gezielt zu den wichtigsten Stützen seiner Herrschaft gemacht. Der Anlass: Die adeligen Herzöge und Grafen seien mit ihren Eigeninteressen einfach keine besonders verlässliche Hilfe mehr für den König. Fortan hätten die Bischöfe durch ihre Bildung und ihr Organisationstalent die königliche Regentschaft gesichert und wären dafür vom Regenten mit Land, Titeln und Herrschaftsrechten belohnt worden. Denn die Verwaltung von Reichsgut durch durch Geistliche hatte einen entscheidenden Vorteil: Auf Grund des Zölibat bekamen (und bekommen) Priester keine erbberechtigten Nachkommen. So ist sichergestellt, dass nie ein Bischof oder Abt auf die Idee kommt, den ihm vom König als Lehen übertragenen Besiz an eines seiner Kinder weiterzuvererben. Doch das ottonisch salische Reichskirchensystem hatte auch Nachteile für die geistliche Führungsschicht, so Leo Santifaller: Denn die Geistlichen hätten mit der Zeit immer mehr an Selbstständigkeit verloren und seien von den ottonischen und salischen Königen wirtschaftlich und administrativ ausgenutzt worden. Erst in den Auseinandersetzungen des Investiturstreits habe dieses eingespielte System dann sein Ende gefunden.

Das ottonisch salische Reichskirchensystem: Otto der Große galt in der Forschung lange als der Schöpfer dieser Reichssystems.
Abbildung aus der Kaiserchronik Heinrichs V. um 1112/14 (Quelle: Wikimedia Commons)

Das klingt durchdacht, strukturiert und auch irgendwie nach ersten Ansätzen von moderner Staatlichkeit. Doch leider macht man es sich damit zu einfach. Ein solches „System“ hat es nie gegeben – die mittelalterliche Realität ist ein bisschen komplexer. Hier sind 7 Gründe, warum das „ottonisch salische Reichskirchensystem“ ein Forschungskonstrukt ist, das so nie existiert hat:


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1. Der mittelalterliche Herrscher regiert im Konsens mit seinen Großen

Monarchen des Mittelalters erscheinen in unserer Vorstellung oft als mächtige und freie Herrscher, die ohne Einschränkungen ihre politischen Entscheidungen fällen können – auch gegen den Willen von Volk und Adeligen. Doch ganz so ungebunden war der Kaiser im Mittelalter keinesfalls: Er musste die Wünsche und Hoffnungen der weltlichen und geistlichen Führungsschicht stets respektieren und berücksichtigen – sonst drohte ihm eine Adelsrevolte. Heute spricht man deshalb von „konsensualer Herrschaft“. Das heißt: Kein mittelalterlicher Regent konnte ganz alleine darüber bestimmen, wie er regieren wollte. Dementsprechend unwahrscheinlich ist die These, Kaiser Otto der Große habe einfach beschlossen, ab sofort die Kirche zu seinem wichtigsten Verbündeten zu machen. Die Einbindung der Bistümer, Abteien, Klöster und Kirchen in die Herrschaft war nicht die spontane Entscheidung eines einzelnen Regenten in der Ottonenzeit, sondern ist das Ergebnis eines sehr langen Prozesses.


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2. Das "Reichskirchensystem" ist kein klar ausformuliertes politisches Konzept

Um diesen Grund zu verstehen, müssen wir uns erst bewusstmachen, was „System“ eigentlich genau bedeutet: Ein System besteht aus vielen miteinander verbundenen Elementen wobei jedes dieser Elemente einen bestimmten Sinn oder Zweck hat. In unserem Fall sind die Elemente der König sowie die Äbte und Bischöfe, also die geistlichen Großen. Ein Zweck der Kirche ist zum Beispiel die Unterstützung des Monachrchen bei der Eintreibung von Abgaben. Spricht man von „System“, so nimmt man an, dass sich dieser Zweck nicht einfach irgendwie ergeben hat, sondern dass dahinter eine bewusste Anweisung des Königs steckt, ein festes politisches Programm, das er konsequent durchsetzt. Wir wissen bereits, dass die Regenten im Mittelalter solche eigenmächtigen Entscheidungen gar nicht fällen konnten. Außerdem folgten die Regenten im frühen Mittelalter ohnehin keinem festgelegten oder gar ausformuliertem Herrschaftsprogramm: Es gab keine „Regierungserklärungen“, in denen die Grundlinien der Politik formuliert wurden, sondern es wurde meist jeder Einzelfall neu verhandelt. Dementsprechend ist uns natürlich auch kein Dokument überliefert, in dem von einem politischen Konzept Ottos des Großen berichtet wird, ein „Reichskirchensystem“ zu errichten.

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3. Der Höhepunkt der Zusammenarbeit von König und Kirche wird erst im 11. Jahrhundert erreicht

Nicht nur der Begriff „System“ ist problematisch: Auch die Bezeichnung als „ottonisch“ muss hinterfragt werden. Der Umgang der Salier und Liudolfinger mit der Kirche war nicht die Folge eines politischen Konzepts Ottos des Großen, sondern entwickelte sich über einen längeren Zeitraum. Erst unter den Nachfolgern Ottos des Großen intensiviert sich die Kooperation von Amtskirche und Herrscher, ihren Höhepunkt erreicht sich sogar erst nach den Ottonen unter dem Salier Heinrich III. Die Bezeichnung „ottonisch-salisches Reichskirchensystem“ erweckt dagegen den falschen Eindruck, ein solches ausdifferenzierte „System“ habe bereits unter Kaiser Otto dem Großen existiert.

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4. Der mittelalterliche Regent hatte keine absolut freie Verfügungsgewalt über die Besetzung von Kirchenämtern

Auch bei Personalentscheidungen musste der König bestimmte Wünsche respektieren. Nicht nur die geistlichen Ratgeber des Königs, die Mitglieder der sogenannten Hofkapelle, nahmen Einfluss auf die Entscheidung, wer neuer Bischof in einem Bistum oder neuer Abt eines Reichsklosters werden sollte. Auch enge Verwandte des Herrschers machten sich Hoffnungen auf einen Aufstieg zum Bischof. Auch die Bewohner der Bischofsstadt und lokale Adelige wollten ein Wörtchen mitreden bei der Personalentscheidung über das durchaus lukrative Amte. Die Könige hatten also gar nicht die Chance dazu, eine planvolle und konsequente Personalpolitik zu betreiben, um so durch die Einsetzung loyaler Bischöfe die Reichkirche enger an den Regenten zu binden. Bei vielen Bischofseinsetzung musste wegen den verschiedenen Forderungen und Wünschen ein Kompromiss gefunden werden.

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5. Die Bischöfe und Äbte waren alles andere als stets zuverlässige Partner des Königs

Der Begriff „ottonisch-salisches Reichskirchensystem“ erweckt den Eindruck, die Bischöfe und Äbte seien in Konflikten immer treu an der Seite ihres Königs gestanden. Doch dem ist mitnichten so! Wenn es sein musste (weil eigene Besitztümer oder Rechte in Gefahr waren), ergriffen die Geistlichen in Streitigkeiten, die das eigene Kloster bzw. Bistum betrafen, durchaus auch Partei gegen den König. Nur weil ein Bischof oder Abt vom König eingesetzt worden war, bedeutete das nicht automatisch, dass jener den König immer bedingungslos unterstützen musste.

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6. Der Umgang der ottonischen und salischen Könige mit der Kirche ist gar nicht so außergewöhnlich

Auch in Frankreich und England spielt die Stimme des Herrschers im 10. und 11. Jahrhundert bei der Einsetzung von Bischöfen eine wichtige Rolle. Politik und Religion sind im Mittelalter ohnehin eng verzahnt. Bei der Thronbesteigung wird der König zum Beispiel meist von einem Bischof gesalbt und der Schutz von Kirchen und Klöstern ist eine der zentralsten Aufgabe aller Herrscher des Mittelalters. Auch in der Tagespolitik spielen Geistliche eine wichtige Rolle: In England, im Westfrankenreich und im Ostfrankenreich fertigen sie für ihre Herrscher Urkunden und Briefe an und bestimmen so die Politik ihrer Zeit aktiv mit.


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7. Die zeitgenössischen Quellen erwähnen ein solch komplexes System nicht

Der letzte Grund hat sehr viel damit zu tun, wie Historiker arbeiten. Meist sind Texte die beste Möglichkeit, um Informationen über Ereignisse und Menschen längst vergangener Zeiten zu erhalten. Oft müssen die Historiker eine Vielzahl von Texten auswerten, um Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. So auch bei den Forschungen zum „ottonisch-salische Reichskirchensystem“: Aus einer großen Menge kleiner und kleinster Textausschnitte haben die Historiker das Bild vom komplexen „Reichskirchensystem“ zusammengesetzt. Das Problem: Wir kennen keinen einzigen Text aus der Zeit vor dem Investiturstreit, in dem ein mittelalterlicher Autor über das Verhältnis von König und Reichskirche nachdenkt. Im zeitgenössischen Bewusstsein ist das „Reichskirchensystem“ also offenbar nicht präsent.

Das ottonisch-salische Reichskirchensystem: Literatur

Schieffer, Rudolf: Der geschichtliche Ort der ottonisch-salischen Reichskirchenpolitik. Opladen 1998 (=Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften, Vorträge G 352).
Reuter, Timothy: The “Imperial Church System“ of the Ottonian and Salian Rulers. A Reconsideration, in: Journal of Ecclesiastical History 33 (1982), S. 347-374.
Fleckenstein, Josef: Problematik und Gestalt der ottonisch-salischen Reichskirche. In: Schmid, Karl (Hg.): Reich und Kirche vor dem Investiturstreit. Sigmaringen 1985, S. 83-98.
Santifaller, Leo: Zur Geschichte des ottonisch-salischen Reichskirchensystems. 2. Aufl., Graz/Wien/Köln 1964 (=Österreichische Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse, Sitzungsberichte 229,1), S. 27-43.
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Mittwoch, 31. August 2016

Ludwig der Bayer und Friedrich der Schöne teilen sich ein Bett

Ludwig der Bayer und Friedrich: Erbitterte Feinde

Ludwig der Bayer und Friedrich der Schöne sind seit 1314 einander verhasste Rivalen. Sie streiten darüber, wer von ihnen der rechtmäßige König ist. Was war passiert? Die Kurfürsten, die traditionellen Königswähler, konnten sich nach dem Tod Kaiser Heinrichs VII. lange Zeit nicht auf einen neuen König einigen. Am Ende gibt es zwei Wahlversammlungen und zwei rivalisierende Könige: Ludwig und Friedrich. Schließlich kommt es zur militärischen Konfrontation: Im Jahr 1322 schlägt Ludwig der Bayer seinen Konkurrenten Friedrich in der Schlacht von Mühldorf. Friedrich wird gefangengenommen und auf der Burg Trausnitz inhaftiert.

Ludwig der Bayer: Hatte er eine heimliche Liebesbeziehung mit Friedrich dem Schönen - seinem größten Feind?!
(Abbildung: Wikimedia Commons)

Ludwig der Bayer und sein taktischer Kurswechsel

Doch Friedrichs Brüder leisten weiterhin Widerstand gegen Ludwig. Also entscheidet sich Ludwig zu einem Kurswechsel: Statt auf Konfrontation setzt er auf Versöhnung und Ausgleich. Er lässt Friedrich den Schönen nach drei Jahren Haft frei. Aus den beiden früheren Konkurrenten werden Partner.

Ludwig und Friedrich - ein Liebespaar?

Wie innig diese Partnerschaft war, das kann man im Geschichtswerk des Zisterzienserabtes Peter von Zittau nachlesen:
„Diese zwei Fürsten, die sich Könige nennen, essen und trinken zusammen und schlafen bis heute beieinander und sind durch friedenstiftende Worte vereint.“
Diese Textstelle macht stutzig. Berichtet Peter hier von einer sehr innigen Freundschaft zwischen zwei alten Feinden? Schon das wäre ziemlich außergewöhnlich. Oder handelt es sich gar um einen Hinweis auf eine intime Liebesbeziehung zwischen Ludwig dem Bayern und Friedrich dem Schönen – wieso sonst sollten sie sich schließlich ein gemeinsames Bett teilen?

Eine intime Liebe zwischen alten Feinden?

Peter von Zittau ist nicht der einzige mittelalterliche Geschichtsschreiber, der von einer solch intimen Nähe zwischen Ludwig und Friedrich berichtet. Bei Johannes von Viktring heißt es: 
„Am festgesetzten Tag kamen dann Friedrich und Ludwig in Salzburg zusammen, und hier wurde auch, während sie auf ein und demselben Lager ruhten, zwischen ihnen von dem Königtum gesprochen“
Das Treffen, von dem Johannes von Viktring hier berichtet, findet 1313 statt, also noch vor der Doppelwahl von 1314. Damit erhält die Beziehung zwischen Ludwig und Friedrich scheinbar eine ganz neue Dimension: Waren Ludwig und Friedrich schon 1313 ein Liebespaar, das dann durch die Wirren der Politik auseinandergerissen wurde, nur um über zehn Jahre später wieder glücklich vereint zusammenzuleben?

Ludwig und Friedrich: Kein homosexuelles "Romeo und Julia" im Mittelalter

So romantisch diese Liebesgeschichte zwischen zwei Herrschern des 14. Jahrhunderts auch klingen mag – sie entspricht leider nicht der Realität. Die Quellenstellen sind keine Hinweise auf eine homosexuelle Liebesbeziehung, sondern geben Einblicke in die Mechanismen der Politik im Spätmittelalter.
Ludwig der Bayer und Friedrich der Schöne treffen sich 1313 in Salzburg zu Friedensverhandlungen. Es geht um einen Erbstreit zwischen den Wittelsbachern und den Habsburgern, der sogar schon zu militärischen Konflikten geführt hat. Die „Chronica Ludovici“ beschreibt den Ablauf des Friedensschlusses:
„Als nun […] die erlauchten Herzöge Ludwig und Friedrich einander von Angesicht zu Angesicht erblickten, umarmten und küssten sie sich so stürmisch, fassten größte Zuneigung zueinander und gaben derselben, indem sie sich beide als Enkel des ruhmreichen König Rudolf bekannten, öffentlichen Ausdruck. Da gab es nun große Freude und Ruhm auf beiden Seiten, und es kam zwischen ihnen Frieden und Eintracht. Ein prächtiges Festgelage, von den Klängen fröhlicher Musik und lautem Juchzen belebt, vereinte die Versöhnten […] Zugleich schwor man sich zu, dass keiner unter ihnen den anderen durch Wort oder Tat verletze, sie sich vielmehr allzeit gegen jedermann verteidigen wollten.“ 

Die strengen Regeln der inszenierten Politik im Mittelalter

Das Entscheidende: Das Aufeinandertreffen von Ludwig und Friedrich ist eine streng geplante Inszenierung, die aus verschiedenen symbolischen Handlungen besteht, die alle dazu dienen, bestimmte Botschaften und Signale zu senden. Historiker sprechen deshalb auch von „inszenierter Politik.“ Der Bericht der „Chronica Ludovici“ nennt drei Etappen der Inszenierung:
  • Die Umarmungen und Küsse demonstrieren die Freundschaft zwischen Ludwig und Friedrich
  • Das Festgelage mit Musik, Gesang und Heiterkeit bekräftigt Frieden und Eintracht
  • Die Leistung eines Eides verpflichtet auf zukünftige Hilfe und Unterstützung 

Die „Chronica Ludovici“ präsentiert also Ludwig und Friedrich als innige Freunde. Allerdings geht es dabei nicht um persönliche Gefühle. Die Inszenierung einer Freundschaft zwischen den beiden dient vielmehr dazu, den gerade frisch geschlossenen Frieden zu sichern. Wenn Johannes von Viktring davon berichtet, Ludwig und Friedrich haben sich in Salzburg ein gemeinsames Bett geteilt, dann dient auch diese Nachricht als Signal des Friedens und des großen Vertrauens. Gleiches gilt für den Bericht des Peter von Zittau für das Jahr 1325. Auch hier dient das gemeinsame Lager dazu, die wiedergefundene Eintracht zwischen Ludwig dem Bayer und Friedrich dem Schönen zu symbolisieren.

Die Spielregeln der Politik im Mittelalter

Natürlich wissen wir nicht mit absoluter Sicherheit, ob die mittelalterlichen Autoren den Ablauf der Friedensgespräche von 1313 und der Versöhnung von 1325 wirklich korrekt wiedergegeben haben. Doch die zeitgenössischen Leser wussten sicherlich sehr gut darüber Bescheid, mit welchen Formen und Handlungsmustern die „inszenierte Politik“ bei solchen Gelegenheiten arbeitete. Ganz abwegig dürften also die Nachrichten über gemeinsames Mahl und Lager nicht sein. Trotzdem handelte es sich dabei aber natürlich um politische Inszenierungen – und nicht um intime Liebesgesten.

Quellenstellen

Johannes von Viktring: Das Buch gewisser Geschichten von Abt Johann von Victring, übers. von Walter Friedensburg, Leipzig 1888, S. 226f (=Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit 86).
Peter von Zittau: Chronicon Aulea Regiea, ed. J. Loserth, in: Font. Rer. Austr. 1. Abt., 8 (1875), S. 29-535, hier S. 433. (eigene Übersetzung)
Chronica Ludovici: Das Leben Kaiser Ludwigs, in: Quellen zur Geschichte Kaiser Ludwigs des Baiern, übers. Von Walter Friedensburg, Leipzig 1883, S. 107f (=Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit 81).

Literatur

Garnier, Claudia: Symbolische Kommunikation während der Herrschaft Ludwigs des Bayern am Beispiel von Bündnis- und Friedensschlüssen, in: Seibert, Hubertus (Hg.): Ludwig der Bayer (1314–1347). Reich und Herrschaft im Wandel, Regensburg 2014, S. 169-190. 
Neuhold, Helmut: Das andere Habsburg. Homoerotik im österreichischen Kaiserhaus, Marburg 2008. 
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Mittwoch, 17. August 2016

Die demütigen Herrscher der Ottonenzeit

Die demütigen Herrscher der Ottonenzeit | Curiositas
Vor allem der christliche Glaube bindet die ottonischen Könige in ihrer Handlungsfreiheit: Christliche Normen und Werte legen die Rechte, aber auch die Pflichten des Herrschers fest. So fordert beispielsweise die Herrschertugend der Demut (humilitas), dass sich der Herrscher stets der Tatsache bewusst sein solle, dass er nichts aus eigener Kraft und Anstrengung leisten könne – sondern bei seinem Handeln immer auf Gottes Hilfe angewiesen ist. Um die Hilfe Gottes zu erlangen, muss sich der Christ seiner Sünden bewusst sein und als demütiger Büßer seine Bitten vortragen. Erst dann besteht die Möglichkeit, dass Gott und die Heiligen ihm helfen. Auch der König muss auf diese Weise auf göttlichen Beistand hoffen. Zwei Merkmale machen in den Augen der Zeitgenossen einen guten Herrscher aus: Demut und das Bewusstsein um die eigene Sündhaftigkeit. Der Einfluss dieser christlichen Tugenden auf das Handeln des Königs führt um das Jahr 1000 zu einem neuen und ungewöhnlichen Verhalten der Herrscher: Die Könige aus der Herrscherfamilie der Ottonen (bzw. der Liudolfinger) treten in der Öffentlichkeit besonders demütig auf. Es ist die Zeit der öffentlichen Selbsterniedrigungen des Herrschers. Die ersten Akte solcher Selbsterniedrigungen finden im religiösen Kontext statt, doch auch in politischen Auseinandersetzungen greifen die Herrscher zu Akten der Selbstdemütigung. Hier sind fünf Momente, in denen Herrscher in der Ottonenzeit besonders demütig auftreten - und die Gründe, warum sie das tun.

Kaiser Otto III. als machtvoller und machtbewusster Herrscher, dargestellt in seinem Evangeliar (Bayerische Staatsbibliothek, Clm 4453, fol. 23v-24r) . Manchmal tritt Otto III. jedoch auch deutlich demütiger auf.

Die Wallfahrt Kaiser Ottos III. zum Monte Gargano

Der zweite Romaufenthalts Kaiser Ottos III. im Jahr 998 verläuft ziemlich blutig. Der aufrührerische Stadtpräfekt Crescentius und auch der Gegenpapst Johannes Philagathos wollen sich dem Kaiser nicht unterwerfen, also greift der zu grausamen Methoden: Otto III. lässt Johannes Philagathos kurzerhand grausam verstümmeln. Dem Gegenpapst werden Augen, Nase und Zunge abgeschnitten. Crescentius wird enthauptet, sein Leichnam zur Abschreckung auf einem Berg bei Rom öffentlich aufgehängt. In Italien hagelt es angesichts dieser Grausamkeiten schnell herbe Kritik. Besonders der Eremit Nilus tadelt den Kaiser scharf. Otto III. unternimmt angesichts der Vorwürfe eine Bußwallfahrt zum Monte Gargano, wo er Nilus in seiner kargen Mönchsunterkunft besucht. Das Besondere daran: Otto III. unternimmt die Wallfahrt komplett barfüßig. Für einen Herrscher, der sich sonst in den prächtigsten Stoffen kleidet, ist das eine krasse Form der Selbstdemütigung. Denn die Kleidung ist im Mittelalter auch immer ein Zeichen für den Rang einer Person – und mit blanken Füßen will sich eigentlich niemand in der Öffentlichkeit zeigen. Doch zur Vergebung seiner Sünden muss der Kaiser sich auf diese Weise als demütiger und sündiger Christ zeigen.

Die Bußübungen Kaiser Ottos III. mit seinen Vertrauten

Im Fall der Wallfahrt Kaiser Ottos III. ist ein konkretes Fehlverhalten des Herrschers der Anlass für die kaiserliche Selbstdemütigung. Doch auch ohne konkreten Grund übt sich der Kaiser in Demut – und demonstriert so seine Befähigung zur Herrschaft. Denn für Otto und seine Zeitgenossen besteht ein Zusammenhang zwischen Erniedrigung (humilitatio) und Erhöhung (exaltatio): Nur wer sich selbst zuvor erniedrigt, kann später zu wahrer Größe aufsteigen. Die Bußübungen Kaiser Ottos III. dauern teilweise mehrere Tage: So wird berichtet, dass Otto sich mit dem Bischof Franco von Worms ganze zwei Wochen in eine Höhle in Rom zurückgezogen habe, wo die beiden barfuß und im einfachen Gewand die Zeit mit Beten und Fasten verbringen. Auch hier legt Otto III. seine kostbaren kaiserlichen Gewänder ab und leistet Buße für seine Sünden.

Heinrich II. zwischen zwei Bischöfen im Seeoner Pontifikale (Bamberg, Staatsbibliothek, lit 53, fol. 2v.)
Der erhöhte Rang Heinrichs drückt sich auch in den Größenverhältnissen aus - Heinrich ist deutlich größer als die Bischöfe.
(Abbildung: Wikimedia Commons)

König Heinrich II. und die Reliquien des hl. Mauritius

Auch König Heinrich II. tritt barfüßig auf und erniedrigt sich so selbst. In Magdeburg, so berichtet Thietmar von Merseburg, trägt er Ende Februar 1004 in eisiger Kälte barfuß die Reliquien des hl. Mauritius von einem Kloster in die Domkirche. König Heinrich II. zeigt so allen Umstehenden seine Demut gegenüber dem Heiligen. Gleichzeitig bittet er um Vergebung seiner Sünden, denn kurz zuvor hatte Heinrich II. ein Bündnis mit zwei heidnischen Stämmen geschlossen, die zwischen Elbe und Oder leben. Das war bei seinen christlichen Zeitgenossen nicht besonders positiv aufgenommen worden. Heinrich II. begegnet seinen Kritikern, indem er sich in Magdeburg demonstrativ als demütiger Herrscher präsentiert, der die christlichen Herrschertugenden achtet. Die Selbstdemütigung gegenüber dem sächsischen Hauptheiligen ist hierfür das sichtbarste Zeichen.

Die Bischöfe und der Zwang des Fußfalls

Barfüßigkeit und einfache Kleidung sind nicht die einzigen Ausdrucksformen eines demütigen Herrschers. Auch der Fußfall eines ranghohen Herrschers oder Fürsten ist eine Form der Selbstdemütigung. Besonders in politischen Auseinandersetzungen greifen Herrscher in der Ottonenzeit auf den Fußfall zurück, um so ihren Willen durchzusetzen. Ein Beispiel: Als sich die Bischöfe von Hildesheim und Mainz treffen und um das Kloster Gandersheim streiten, fällt der Erzbischof Aribo von Mainz dem Hildesheimer Bischof plötzlich zu Füßen. Der Fußfall des Erzbischofs ist eine besonders krasse Form der Selbstdemütigung und eigentlich hat der Hildesheimer Bischof jetzt keine andere Wahl mehr, als die demütige Bitte des Mainzer Erzbischofs zu gewähren. Eigentlich! Denn der Bischof von Hildesheim wirft sich nun einfach seinerseits auch noch vor den schon auf dem Boden liegenden Mainzer Erzbischof. Die beiden Geistlichen verharren in dieser Position – und kommen zu keiner Einigung.

Kaiser Heinrich II. hat im Bamberger Dom, seiner Gründung, seine letzte Ruhe gefunden. Der Weg zur Bistumsgründung war ziemlich steinig für Heinrich II. (Abbildung: Wikimedia Commons, Reinhard Kirchner)

König Heinrich II. und die Synode von Frankfurt

Auch König Heinrich II. nutzt den Fußfall als gezieltes Mittel, um durch diese Selbsterniedrigung seine Wünsche durchzusetzen. Im Jahr 1007 hat er vor allem einen Wunsch: Er möchte in Bamberg ein neues Bistum gründen. Doch dazu braucht er die Zustimmung der Erzbischöfe und Bischöfe des Reiches. Und die sind nicht alle begeistert von Heinrichs Bistumsplänen, schließlich bedeutet ein neues Bistum auch, dass einige existierende Bistümer Gebiete und Rechte verlieren werden. König Heinrich II. trifft sich in Frankfurt mit den Bischöfen seines Reiches, um sie von seinem Plan zu überzeugen. Gleich zu Beginn der Synode fällt der König den versammelten Geistlichen zu Füßen – und setzt sie durch diese Demutsgeste sofort unter Druck: Die Selbsterniedrigung König Heinrichs II. macht es den Geistlichen eigentlich unmöglich, die demütige Bitte des Herrschers abzulehnen. Der König nutzt dieses Wissen geschickt: Sobald im weiteren Verlauf der Versammlung auch nur der leiseste Einwand gegen seinen Bistumsplan aufkommt, wirft sich Heinrich II. den Bischöfen erneut zu Füßen. Heinrich hat Erfolg: Er darf sein neues Bistum in Bamberg gründen, die Bischöfe können ihm die demütige Bitte nicht abschlagen.

Literatur

Althoff, Gerd: Die Macht der Rituale. Symbolik und Herrschaft im Mittelalter, Darmstadt 2003.
Althoff, Gerd: Otto III. Darmstadt 1996.
Bornscheuer, Lothar: Miseriae Regnum. Untersuchungen zum Krisen- und Todesgedanken in den herrschaftstheologischen Vorstellungen der ottonisch-salischen Zeit, Berlin 1968 (=Arbeiten zur Frühmittelalterforschung 4).
Schreiner, Klaus: „Nudis pedibus.“ Barfüßigkeit als religiöses und politisches Ritual, in: Althoff, Gerd (Hg.): Formen und Funktionen öffentlicher Kommunikation. Stuttgart 2001, S. 43-124 (=Vorträge und Forschungen 51).
Stollberg-Rilinger, Barbara: Knien vor Gott, Knien vor dem Kaiser: Zum Ritualwandel im Konfessionskonflikt, in: Althoff, Gerd (Hg.): Zeichen, Rituale, Werte. Internationales Kolloquium des Sonderforschungsbereichs 496 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Münster 2004, S. 501-533.
Weinfurter, Stefan: Das Demutsritual als Mittel zur Macht. König Heinrich II. und seine Selbsterniedrigung 1007, in: Ambos, Claus [u.a.] (Hg.): Die Welt der Rituale. Darmstadt 2005, S. 45-50.
Weinfurter, Stefan: Heinrich II. (1002–1024). Herrscher am Ende der Zeiten, Regensburg 1999.
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Mittwoch, 3. August 2016

Die Statue der Kapitolinische Wölfin: Ein antikes Meisterwerk?

Kaum ein antiker Mythos ist so bekannt wie die Gründungsgeschichte Roms: Die Zwillinge Romulus und Remus, Söhne einer Königstochter und des Kriegsgottes Mars, werden vom König ihrer Heimatstadt am Tiber ausgesetzt. Der König Amulius fürchtet um seine Herrschaft, denn Romulus und Remus sind die Enkel seines Vorgängers – den Amulius vom Thron gestoßen hat! Das Schicksal meint es gut mit den Zwillingen: Ihr Floß wird ans Ufer getrieben, eine Wölfin nimmt sich der Babys an und säugt sie. Zu Männern herangewachsen töten sie Amulius und gründen eine eigene Stadt: Rom. Dort erinnert man sich auch heute noch dieser Legende: In den Kapitolinischen Museen kann man zum Beispiel die antike Bronzefigur einer Wölfin bestaunen, die Romulus und Remus säugt. Doch was hat diese antike Statue mit dem Mittelalter zu tun?

Eine überraschende Entdeckung zum Alter der Kapitolinischen Wölfin

Seit dem 18. Jahrhundert war man sich eigentlich einig: Die Bronzefigur ist im 5. Jahrhundert vor Christus in einer etruskischen Werkstatt entstanden und war die nächsten Jahrhunderte an öffentlichen Plätzen in Rom aufgestellt. So berichtet zum Beispiel Cicero von der Statue einer Wölfin, die im Jahr 65 v. Chr. von einem Blitz getroffen wurde. Im 16. Jahrhundert hat die Wölfin schließlich ihren Platz im Konservatorenpalast auf dem Kapitol gefunden, dem heutigen Kapitolinischen Museum.

Die Kapitolinische Wölfin - ziemlich strenger Blick! (Abbildung: Wikimedia Commons, Jastrow)
Als jedoch das Kunstwerk 1997 restauriert wird, fällt den Forschern etwas auf: Die Wölfin wurde nicht aus einzelnen Teilen zusammengefügt, sondern in einem Stück gegossen – diese Herstellungstechnik war jedoch erst im Mittelalter verbreitet. Es ist verblüffend: Der Braunschweiger Löwe aus dem 12. Jahrhundert und die Kapitolinische Wölfin wurden mit der gleichen mittelalterlichen Gusstechnik hergestellt. Ist die Skulptur der Wölfin also ein Indiz für „Hightech aus der Antik“? Ein weiteres Beispiel für antikes Technikwissen, das erst Jahrhunderte später wiederentdeckt wird?

Der Braunschweiger Löwe wurde im 12. Jahrhundert mit der selben Gusstechnik wie
die Kapitolinische Wölfin hergestellt (Abbildung: Wikimedia Commons, Brunswyk)

Aufschluss über das tatsächliche Alter der Figur gibt dann 2012 eine Radiokarbon-Untersuchung: Die Bronzeskulptur entstand erst im 11. oder 12. Jahrhundert! Doch wenn die Figur erst im Mittelalter entstand – welche Wölfin hat dann Cicero gesehen? Vielleicht hat es sich so zugetragen: Es gibt im antiken Rom eine Statue einer Wölfin, die jedoch im Mittelalter nach Konstantinopel gebracht wird. Dort schmilzt man sie 1204 ein. In Rom fertigt man dagegen im späten 12. Jahrhundert eine neue Statue an – eben jene, die heute in den Kapitolinischen Museen zu sehen ist.

Wieso stellen die Römer eine neue Kapitolinische Wölfin her?

Doch wieso macht man sich damals in Rom die Mühe, eine verlorene antike Bronzestatue neu zu gießen? Die Rückbesinnung auf die Antike ist nicht allein künstlerisch zu verstehen, sondern vor allem auch politisch: In den Jahren 1143/1144 kommt es in Rom zu Aufständen der Stadtbevölkerung gegen die Stadtherrschaft des Papstes. Die römischen Bürger besinnen sich ihrer antiken Vergangenheit und errichten einen neuen Senat, der von nun an vom Kapitol aus die Geschicke der Stadt lenken sollte. Die mittelalterliche Nachbildung der Wölfin ist damit ein klares Signal an den Papst: Die Römer sehen sich als Nachfahren von Romulus und Remus, als freie und selbstbestimmte Bürger.

Mittelalterliche Rückbesinnung auf die Antike: Die Kapitolinische Wölfin in voller Größe (Abbildung: Wikimedia Commons, Jastrow)

Literatur zur Kapitolinischen Wölfin

Radnoti-Alföldi, Maria/Formigli, Edilberto/Fried, Johannes: Die römische Wölfin. Ein antikes Monument stürzt von seinem Sockel, Stuttgart 2011.
Hase-Salto, Maria Aurora von: Ein Werk des Mittelalters. Neue Erkenntnisse über die Kapitolinische Wölfin, in: Antike Welt 43,5 (2012), S. 53-56.
Johrendt, Jochen/Schmitz-Esser, Romedio (Hg.): Rom – Nabel der Welt. Macht, Glaube, Kultur von der Antike bis heute, Darmstadt 2010.
Petersohn, Jürgen: Kaisertum und Rom in spätsalischer und staufischer Zeit. Romidee und Rompolitik von Heinrich V. bis Friedrich II., Hannover 2010, S. 80-109.
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Mittwoch, 20. Juli 2016

Herzog Tassilo III. von Bayern (748–788)

Albrecht der Entartete, Johanna die Wahnsinnige oder Otto der Faule – wenn es um Beinamen für mittelalterliche Herrscher geht, kennen Zeitgenossen und Nachwelt oft wenig Gnade. Und nur wenige kommen so gut weg wie etwa Karl der Große. Der bayerische Herzog Tassilo III. (748–788) wird zum Beispiel in der Erinnerung oft reduziert auf seine Niederlage im Konflikt mit eben jenem Karl: Tassilo III., der Verlierer. In mittelalterlichen Sagen und Legenden liest sich das Schicksal Tassilos wie eine klassische Tragödie: Aufstieg zu enormer Machtfülle als Herzog von Bayern – Konflikt mit dem mächtigen König Karl dem Großen – und schließlich Absturz zum geschorenen und geblendeten Greis in einem Kloster. Ihr dramatisches Potential verdanken diese Erzählung natürlich der enormen Fallhöhe Herzog Tassilos. Wie mächtig und erfolgreich war Tassilo III. als Herzog von Bayern also?

Statue Herzog Tassilos III. über dem Eingang zum innere Hof des Stiftes
Kremsmünster (Abbildung: Wikimedia Commons, Walter Isack)

Beste Voraussetzungen für den jungen Herzog von Bayern

Bei seinem Herrschaftsantritt im Jahr 748 kann sich der junge Herzog Tassilo III. auf großen Grundbesitz und eine vielköpfige Gefolgschaft stützen. Beides hat ihm sein Vater, Herzog Odilo aus der Familie der Agilolfinger, hinterlassen. Eigenständig Schalten und Walten kann Tassilo aber erst ab 757 – erst dann ist er volljährig. Geboren wurde Tassilo also wohl um 741, doch sein genaues Geburtsjahr kennen wir nicht. Dafür sind wir über die rechtliche Stellung des bayerischen Herzogs ziemlich gut im Bilde. In der Lex Baiuvariorum, dem Volksrecht der Bajuwaren aus dem 8. Jahrhundert, heißt es:
„Der Herzog, der im Volk an der Spitze steht, ist immer aus dem Geschlecht der Agilolfinger gewesen und soll es sein, denn so haben es die Könige unserer Vorgänger ihnen bewilligt.“ (Zit. nach Rosenstock, 1928, S. 30).
Auch um die Kirche steht es im Herzogtum bestens: Odilo hat mit den Bistümern Regensburg, Passau, Freising und Salzburg die noch heute bestehende Kirchenorganisation für Bayern geschaffen. Zwischen Herzog und Kirche bestehen enge Bande, Tassilo III. betrachtet sich dementsprechend selbst als Herr über die bayerische „Herzogskirche“ (Wilhelm Störmer).

Drei bayerische Synoden unter Herzog Tassilo III.

Diese Stellung zeigt sich nirgends klarer als bei der Einberufung von Synoden, also von Versammlungen der wichtigen Geistlichen (Bischöfe, Äbte und dergleichen). Gleich drei bayerische Synoden beruft Tassilo III. ein: Nach Aschheim (756), nach Dingolfing (770 oder 777) und nach Neuching (771). Auf diesen Versammlungen beschließen die Geistlichen zusammen mit dem Herzog neue Regeln und Maßnahmen für eine Vielzahl von Themen: Frauen sollen besser geschützt werden, Inzestehen sollen verboten sein, der Herzog soll zukünftig für die Kirche die Abgaben eintreiben, Geistliche sollen den ordnungsgemäßen Ablauf von Gerichtsverfahren überwachen und die Bischöfe wollen dafür sorgen, dass Mönche und Nonnen ihrem Gelübde entsprechend leben. Zwar können nicht alle dieser Ziele auch verwirklicht werden, doch insgesamt sind die Kirchenversammlungen ein deutliches Zeichen des politischen und religiösen Gestaltungswillens Herzog Tassilos III. in Bayern.


Klostergründungen durch Herzog Tassilo III.

Herausragende Leistungen vollbringt Tassilo III. auch als Gründer von Klöstern in Bayern: An der Gründung von insgesamt etwa 15 Klöstern war Tassilo beteiligt. Aus einer Urkunde wissen wir zum Beispiel, dass der Herzog im Jahr 769 dem Abt Atto von St. Peter in Scharnitz den Ort Innichen im Pustertal geschenkt hat, um dort ein Benediktinerkloster zu errichten. Für das Kloster Kremsmünster lässt sich der Text einer solchen Gründungsurkunde zumindest rekonstruieren: Tassilo gründet dieses Kloster im Jahr 777. Noch heute wird im Kloster jedes Jahr am 11. Dezember in Erinnerung an Herzog Tassilo III. ein „Stiftertag“ gefeiert. Auf der Fraueninsel erinnert eine gigantische Linde an den Klostergründer.

Die Tassilolinde auf der Fraueninsel

Tassilo als legendärer Klostergründer

Auch das Kloster Mattsee soll eine Gründung Tassilos III. sein, allerdings hat sich keine Gründungsurkunde erhalten – das macht die Sache natürlich ein wenig komplizierter. Schon im Mittelalter wissen selbst die Mönche von Mattsee nicht mehr genau, wann und von wem ihr Kloster eigentlich gegründet wurde. Im 14. Jahrhundert greift der Geschichtsschreiber Christian Gold, selbst Kleriker im Kloster Mattsee, deshalb zu einem kleinen Trick: Er kopiert einfach die bekannte Gründungsgeschichte und die Gründungsdaten des Klosters Kremsmünster und macht so auch Kloster Mattsee zu einer Gründung Herzog Tassilos III. aus dem Jahr 777. Die moderne Forschung (Wilhelm Erben) hat die Fälschungsarbeit Christian Golds zwar entlarvt, doch wahrscheinlich war Herzog Tassilo III. tatsächlich an der Gründung des Klosters beteiligt. Mattsee ist kein Einzelfall: Viele bayerische Klöster führen sich auf Herzog Tassilo III. als Gründer zurück – und oft lässt sich nicht entscheiden, ob es sich dabei um Legende oder Wahrheit handelt.

Das Torhaus im Kloster Frauenchiemsee stammt aus der Zeit Herzog Tassilos III. 

Unterwerfung der Karantanen

Herzog Tassilo III. feiert auch militärische Erfolge. Mit der Unterwerfung der Karantanen im Jahr 772 gelingt die Vergrößerung seines Machtbereichs nach Osten. Doch Tassilo geht es um mehr als nur räumliche Expansion: Seine Kriegszüge sollen auch die Missionierung der Alpenslawen zum Christentum ermöglichen. Wie wichtig den Zeitgenossen solche Kriegszüge als Gradmesser für den Erfolg von Tassilos Herrschaft sind, zeigt sich im Brief eines gewissen Clemens aus dem Jahr 772. Clemens wünscht sich für Tassilo große Erfolge im Kampf gegen die Ungläubigen:
„Möge unser Herr mit Tassilo sein, so wie er mit Abraham war, der die Könige der fünf Völker verfolgt hat und zurückkehrte mit Sieg und Beute. Möge der allmächtige Herr ein Kämpfer für dich [Tassilo] sein, so wie er es für Moses und Josua, den Sohn des Nun, war, die über die Amalekiter triumphiert haben. […] Möge der Herr deine Feinde töten in deinem Angesicht so wie er viele Völker im Angesicht der Söhne Israels getötet hat.“ (MGH Epistolae. 4, ed.E. Dümmler, S. 496-497, hier S. 496 Z. 22-25 und Z. 26-27)

Der Tassilokelch: Zeichen von Tassilos herausragender Stellung

Die Erfolge Tassilos im kirchlichen und militärischen Bereich sind ziemlich beeindruckend und dementsprechend groß war sein Ansehen und seine Stellung. Die Liste der Beispiele für die besondere Stellung Herzog Tassilos III. ist lang: In Salzburg entsteht während der Herrschaftszeit Tassilos ein gigantischer Dom. Die alte Römerstadt Regensburg wird zum Herrschaftszentrum mit urbaner Infrastruktur ausgebaut. Tassilos Herzogtitel gleicht der Form nach dem Königstitel Karls des Großen. Der Sohn Tassilos wird 772 in Rom vom Papst höchstpersönlich getauft und gesalbt. Das anschaulichste Zeichen für den herausragenden Rang Herzog Tassilos III. ist der sogenannte Tassilokelch. Die Inschrift auf dem Kelch spricht Bände:
„TASSILO, TAPFERER HERZOG + LIUTPIRG, KÖNIGLICHER SPROSS“
Das Herzogsehepaar strebt in der Herrschaftsrepräsentation einer königsnahen Sphäre entgegen.

Der Tassilokelch ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Blüte der Kunst unter Herzog
Tassilo III. von Bayern (Abbildung: Wikimedia Commons, Andreas Püttman)

Warum kann sich Tassilo dann eigentlich nicht gegen Karl den Großen durchsetzen?

Angesichts seiner Erfolge und seiner herausragenden Stellung scheint diese Frage nicht ganz unangebracht. Wieso kann Karl den bayerischen Herzog 788 relativ zügig auf gerichtlichem Wege absetzen? Wieso kommt es nicht zu größerem militärischen Widerstand in Bayern? Eine mögliche Antwort: Herzog Tassilo hat schon vor seiner Absetzung die Unterstützung des bayerischen Adels und Klerus verloren. Tassilo begeht offenbar einen fatalen Fehler: Er beteiligt den bayerischen Adel nicht an der Beute, die er bei seinen militärischen Siegen macht – ganz im Gegensatz zu Karl dem Großen. Egal ob bei den Eroberungen in Italien oder Sachsen, Karl entlohnt seine adeligen Mitstreiter stets angemessen. Als der bayerische Adel sich schließlich 788 zwischen Tassilo und Karl dem Großen entscheiden muss, gibt wohl auch die Aussicht auf zukünftige Beute den Ausschlag für den karolingischen Herrscher – und Herzog Tassilo III. wird so zum Verlierer.

Literatur

Bouzek, Helmut: Art. „Tassilo III., ‚der Verlierer‘“, Ökumenisches Heiligenlexikon.
Dopsch, Heinz: Zur Gründung der Abtei Mattsee. Die erste Klosterstiftung Herzog Tassilos III.?, in: Kolmer, Lothar/Rohr, Christian (Hg.) Tassilo III. von Bayern. Großmacht und Ohnmacht im 8. Jahrhundert, Regensburg 2005, S. 211-236.
Erkens, Franz-Reiner: Summus princeps und dux quem rex ordinavit: Tassilo III. im Spannungsfeld von fürstlichem Selbstverständnis und königlichem Auftrag, in: Kolmer, Lothar/Rohr, Christian (Hg.) Tassilo III. von Bayern. Großmacht und Ohnmacht im 8. Jahrhundert, Regensburg 2005, S. 9-20.
Freund, Stephan: Von den Agilolfingern zu den Karolingern. Bayerns Bischöfe zwischen Kirchenorganisation, Reichsintegration und karolingischer Reform (700 – 847), München 2004 (=Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 144).
Garrison, Mary: Letters to a king and biblical exempla: the examples of Cathuulf and Clemens Peregrinus, in: Early Medieval Europa 7 (1998), S. 305-328.
Lohmer, Christian: Mythos Agilolfinger. Das Nachleben der Bayernherzöge in Mittelalter und Neuzeit, in: Kolmer, Lothar/Rohr, Christian (Hg.) Tassilo III. von Bayern. Großmacht und Ohnmacht im 8. Jahrhundert, Regensburg 2005, S. 191-210.
Rosenstock, Eugen: Unser Volksname Deutsch und die Aufhebung des Herzogtums Bayern. In: Siebs, Theodor (Hg.): Mitteilungen der schlesischen Gesellschaft für Volkskunde, Bd. 29, Breslau 1928, S. 1-66.
Störme, Wilhelm: Die bayerische Herzogskirche. Eberhard Weis zu 65. Geburtstag, in: Dickerhof, Harald [u.a.] (Hg.): Der hl. Willibald – Klosterbischof oder Bistumsgründer. Regensburg 1990, S. 115-142 (=Eichstätter Studien. Neue Folge, Band XXX).
Zehrfeld, Klaus: Karl der Große gegen Herzog Tassilo III. von Bayern. Der Prozess vor dem Königsgericht in Ingelheim 788, Regensburg 2011.
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Mittwoch, 6. Juli 2016

Kleidung im Mittelalter: Streitobjekt Schnabelschuh

Der Schwarze Tod, die große Pestepidemie von 1348/1349, war kaum überwunden, so schreibt Tilemann Elhen von Wolfhagen Ende des 14. Jahrhunderts in seiner Chronik, da „hob die Welt wieder an zu leben und fröhlich zu sein und die Männer trugen ganz neue Kleidung“ (Limburger Chronik, S. 38). Die Röcke der Männer werden zu dieser Zeit kürzer und enger als je zuvor. Und auch die Schuhmode entfaltete eine bisher unbekannte Extravaganz: Die „langen Schnäbeln an den Schuhen“ („langen snebel an den schuwen“, Limburger Chronik, S. 39) sind damals der neueste Schrei der mittelalterlichen Mode. Schon seit dem 11. Jahrhundert hatten Schuster solche Spitzschuhe hergestellt, doch erst im 14. Jahrhundert entwickelt sich die übermäßige Verlängerung zum absoluten Trend bei Mittelalterkleidung.

Das modische Highlight im 14. Jahrhundert: Der Schnabelschuh.
(Illustration aus einer Handschrift des "Renaud de Montauban, Abbildung: Wikimedia Commons)

Adel verpflichtet … zur aktuellen Mittelaltermode

Schnabelschuhe erfreuen sich im späten Mittelalter als Kleidung vor allem beim Adel größter Beliebtheit. Die langen Schuhspitzen zwingen zu einer langsamen und dadurch besonders würdevollen Fortbewegung. Wer es sich leisten kann, langsam und gravitätisch durch die Gassen zu schreiten, der setzt sich so auf simple Weise von den geschäftig herumwuselnden einfachen Menschen ab. Die repräsentativen Schnabelschuhe sind damit vor allem ein Mittel zur sozialen Distinktion.

Wer in der höfischen Welt etwas auf sich hält, der trägt im 15. Jahrhundert spitze Schnabelschuhe - so wie diese Diener.
(Illustration aus einer Handschrift des "Renaud de Montauban, Abbildung: Wikimedia Commons)

Modekritik im Mittelalter

Damit zieht die neue Mode natürlich auch Kritik auf sich. Schon im 12. Jahrhundert vergleicht Ordericus Vitalis (1075–1142) die langen Schuhspitzen mit Schwänzen von Skorpionen. Die Schuhe seien ein Zeichen von Hochmut bzw. Stolz (superbia). Das ist im Mittelalter ein ziemlich harter Vorwurf, immerhin gilt Hochmut als eine der sieben Todsünden. Auch der österreichische Dichter Peter Suchenwirt (1320–1395) kritisiert die neue Form der Kleidung: „Gott gab Dir als Lehen nach seinem Bild die Zehen, die formst Du nach anderer Gestalt lang und spitz und mannigfalt, so krumm wie die Nase des Teufels“ (zit. nach Keupp, 2010, S. 57). Bei dieser Kritik am Schnabelschuh geht es nicht in erster Linie um gesundheitliche Bedenken wegen der wenig ergonomischen Form des Schuhwerks. Viel wichtiger ist dem mittelalterlichen Autor ein religiöser Vorwurf: Jeder Träger eines solch unnatürlich verformten Schuhs versündigt sich gegen die Schöpfung – und damit gegen die göttliche Ordnung. Dem Menschen steht es schließlich nicht zu, den gottgeschaffenen Körper eigenhändig auf solche Weise durch Kleidung zu verändern.

Kleidung im Mittelalter und der Zorn Gottes

Und Gott schlägt tatsächlich zurück, so berichtet jedenfalls Benesch von Weitmühl (gest. 1375), ein böhmischer Historiker: Als der Burggraf Albert von Slawetin sich in seinen überlangen Schnabelschuhen nach der neuesten Mode zeigt, trennt ein Blitzeinschlag ihm die Schuhspitzen ab. Doch auch diese himmlische Botschaft ändert nichts an der modischen Kleidung: „Obschon dieses große Wunder allen Menschen klar vorlag, hörte niemand mit der Eitelkeit auf, sondern sie hoben ihre Nacken gegen Gott und trugen weiter kurze Röcke und Schnabelschuhe“ (zit. nach Keupp, 2010, S. 58). Benesch von Weitmühl unterstreicht seine Kritik an der mittelalterlichen Mode zusätzliche durch eine Anekdote: In einem Gefecht zwischen böhmischen und sächsischen Reitertruppen werden die Böhmer „wegen der engen Röcke und der Schnabelschuhe von den Feinden besiegt, gefangen und grausam niedergemetzelt“ (zit. nach Keupp, 2010, S. 57). Die Böhmer hätten mal lieber ihre Schnabelschuhe zu Hause gelassen, so bemerkt Bensch von Weitmühl höhnisch.

Schnabelschuh aus Spanien, 15. Jahrhundert (Museum für angewandte Kunst, Frankfurt am Main).

Alte Schuhe und neue Modetrends: Der Wandel der Kleidung im Mittelalter

Schnabelschuhe bleiben trotzdem der größte modische Trend im 14. Jahrhundert. Daran können auch die unzähligen Kleiderordnungen nichts ändern, die immer wieder die Kleidung der Menschen strengen Regeln unterwerfen wollen. Die Speyerer Kleiderordnung von 1356 verbietet den Bürgern der Stadt ausdrücklich, einen spitzen Schnabel an den Schuhen zu tragen. Auch die Schuster wurden in die Pflicht genommen: Sie sollten auf keinen Fall solche extravaganten Schnabelschuhe herstellen. Die Mode der spitzen Schuhe geht erst im späten 15. Jahrhundert zu Ende als mit den Bärenklauen eine neue Schuhform aufkommt. Das Pendel schlägt in die andere Richtung aus: Statt überlangen Spitzen sind im 16. Jahrhundert eher klobige und breite Schuhe in Mode.

Quellen

Die Limburger Chronik des Tilemann Elhen von Wolfhagen, hg. von Arthur Wyss, MGH Dt. Chron. 4,1, Hannover 1883.

Literatur

Keupp, Jan: Die Wahl des Gewandes. Mode, Macht und Möglichkeitssinn in Gesellschaft und Politik des Mittelalters, Ostfildern 2010 (=Mittelalter-Forschungen, Bd. 33).
Wolter, Gundula: Teufelshörner und Lustäpfel. Modekritik in Wort und Bild 1150–1620, Marburg 2002.
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Mittwoch, 22. Juni 2016

10 kreative Wege, um im Mittelalter an Reliquien zu gelangen


Aktuell sorgt ein ungewöhnlicher Diebstahl für Schlagzeilen: Aus dem Kölner Dom wurde eine Reliquie mit einem Blutstropfen von Papst Johannes Paul II. entwendet. Die Kölner Kirche schmerzt der Verlust sehr, inzwischen ist man sogar bereit, für Hinweise zur Wiederbeschaffung eine Belohnung von 1500 Euro zu zahlen.

Diebstahl von Reliquien ist kein neues Phänomen, schon im Mittelalter versuchte man so gut wie alles, um eine Reliquie in seinen Besitz zu bekommen. Dabei ist der materielle Wert des Diebesguts eigentlich eher gering: Reliquien sind nichts Anderes als Körperteile verstorbener Heiliger. Weitaus größer ist natürlich die religiöse Bedeutung dieser „Überbleibsel“ (lat. reliquiae). Nach dem Tod trennt sich in der christlichen Vorstellung die Seele vom Körper und kommt ins Jenseits. Die Seelen der Heiligen sind dort wahre VIPs: Sie befinden sich in direkter Nähe zu Gott und können diesen dazu bringen, im Diesseits Wunder für die Gläubigen zu bewirken. Die Seele bleibt weiterhin mit ihrem irdischen Körper in Verbindung, weil beide am Tag des Jüngsten Gerichts wieder vereint werden. Der Leichnam des Heiligen ist deshalb für die Gläubigen der direkte Draht ins Jenseits und zu Gott. Der Wert von Reliquien ist damit kaum zu ermessen.

Ganzkörperreliquie des Heiligen Hyacinthus. Gold und Diamanten sind Schmuck, um den enormen Wert der
Reliquie zu unterstreichen.(Abbildung: Wikimedia Commons, Richard Huber)
Dadurch stellt sich natürlich unweigerlich ein Problem: Wie gelangt man in den Besitz eines Heiligenleichnams? Hier sind 10 kreative Wege, wie man im Mittelalter versuchte, eine Reliquie zu ergattern:

(1) Wunder

Das Wunder ist sicherlich der eleganteste Weg, um im Mittelalter an eine Reliquie zu gelangen. Jacobus de Voragine erzählt im 13. Jahrhundert zum Beispiel folgende Geschichte: Ein Mönch aus Rouen reist in das Katharinenkloster auf dem Sinai und fleht die Heilige Katharina sieben ganze Jahre lang an, sie möge ihm einem Teil ihres Leichnams schenken. Plötzlich fällt dann tatsächlich ein Finger vom toten Körper der Heiligen ab. Glücklich kehrt der Mönch in sein Kloster in der Heimat zurück. Hier zeigt sich der besondere Status des toten Körpers der Heiligen: Der Heilige Leichnam ist nach der mittelalterlichen Vorstellung ein selbstbestimmtes Wesen, das aktiv handeln kann. Der fromme Mönch wird so von der Heiligen belohnt.

(2) Suche

Helena findet das wahre Kreuz Christi, Abbildung aus MS
CLXV, Bibliotheka Capitolare, Vercelli, circa 825
(Abbildung: Wikimedia Commons)
Alls Gläubiger kann man sich im Mittelalter auch aktiv auf die Suche nach bislang verschollenen Reliquien machen. Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, ist sicherlich das prominenteste Beispiel einer Reliquiensucherin. Sie geht ziemlich gründlich vor: Auf einer Reise nach Palästina sucht Helena nach Reliquien der Passion Christi und findet unter anderem einige Teile des Kreuzes Christi. Diesem Beispiel folgend schickt Mitte des 6. Jahrhunderts Radegunde, die Äbtissin eines Frauenklosters in Poitiers, eine Gesandtschaft nach Jerusalem, um dort Leichenteile des Märtyrers Mamas zu erwerben.

(3) Streit

Nicht immer gestaltete sich der Reliquienerwerb so friedlich. Zum Teil kommt es zu gewaltsamen Konflikten um die sterblichen Überreste. Als der Heilige Martin im Dorf Candes schwer erkrankt, versammeln sich sofort Gläubige aus Tours und Poitiers. Kaum ist der Heilige verstorben, geraten die Menschen in erbitterten Streit um die Leiche. Laut dem Geschichtsschreiber Gregor von Tours bringt ein Wunder schließlich die Entscheidung: Während der gemeinsamen Nachtwache schlafen die Bewohner von Poitiers ein. Die Gläubigen aus Tours reagieren blitzschnell auf dieses göttliche Zeichen: Sie schaffen den Leichnam umgehend in ihre Stadt. Der Bericht Gregors ist natürlich auch eine geschmeidige Rechtfertigung für den Diebstahl des Leichnams durch seine Mitbürger aus Tours.

(4) Diebstahl

Andere Diebstähle lassen sich weniger gut rechtfertigen. In der Mitte des 9. Jahrhunderts blickt man im Kloster Conques in Südfrankreich neidisch auf das benachbarte Kloster Figeac. Dort blüht das geistliche Leben und die Gläubigen strömen scharenweise in die Kirche. Conques hat dagegen zwei entscheidende Nachteile: Zum einen liegt das Kloster nicht besonders verkehrsgünstig und zum anderen fehlen wirkmächtige Reliquien. Doch man weiß sich zu helfen: Im Kloster Agen befinden sich die Gebeine der Heiligen Fides, einer 12-jährigen Märtyrerin aus dem 4. Jahrhundert. Die Mönche aus Conques schleusen einen ihrer Brüder im Kloster Agen ein, der angeblich zehn Jahre lang auf den richtigen Moment wartet. Eines nachts ist es dann so weit: Der Mönch aus Conques ist endlich alleine mit dem Leichnam der Heiligen – und stiehlt ihn. Von nun an wirken die Reliquien in Conques ihre Wunder und bescheren dem Kloster einen wirtschaftlichen Aufschwung.

Reliquiar, in dem die Reliquien der Hl. Fides in
Conques heute aufbewahrt werden
(Abbildung: Wikimedia Commons, ZiYouXunLu)

(5) Schlichtung

Nicht alle Streitigkeiten lassen sich durch ein Wunder oder den Diebstahl der Leiche beenden. Auch beim Tod von Robert von Arbrissel im Jahr 1116 kommt es zu Streitigkeiten. Der Verstorbene steht im Ruf der Heiligkeit und äußert vor seinem Tod den Wunsch, in einem einfachen Erdgrab in seinem Kloster Fontevraud bestattet zu werden. Doch auch in Orsan, wo Robert verstirbt, meldet man Ansprüche auf den Leichnam an. Man einigt sich schließlich Salomonisch: Der tote Körper wird kurzerhand zerlegt – so erhalten beide Seiten Reliquien. Das Herz Roberts wird in der Abtei von Orsan bestattet, sein Leichnam im Kloster Fontevraud.

(6) Initiative

Personen, die man schon zu Lebzeiten für Heilige hält, ziehen auf dem Sterbebett gesteigerte Aufmerksamkeit auf sich. Die Menschen erkennen „in den heiligmäßig Lebenden Personen den zukünftigen Leichnam“ (Schmitz-Esser, Leichnam, S. 130). Natürlich kann man schon vor dem Ableben des Heiligen die Initiative ergreifen: Der Heiligen Franz von Assisi wird zum Beispiel im Bischofspalast eingesperrt, um sicher zu gehen, dass Franz auch wirklich in Assisi stirbt. Als Anselm von Canterbury auf einer Reise in Jumièges schwer erkrankt, sehen die Bewohner der Stadt schon die Chance gekommen, sich seinen Leichnam als Reliquie zu sichern. Doch Anselm erholt sich wieder. In Jumièges reagiert man darauf mit Enttäuschung und Zorn – schließlich hatte man sich schon auf eine wertvolle Reliquie gefreut.

(7) Gewalt

Besonders rabiat geht Hugo von Lincoln mit den Leichen von Heiligen um. Einmal beißt er aus dem Armknochen der Maria Magdalena mit seinen Zähnen ein Stück ab, ein andern Mal bricht er dem Heiligen Nicasius das Nasenbein aus dem Schädelknochen heraus. Hugos Taten klingen für uns heute wie Leichenschändung, doch seine Zeitgenossen sehen wenig Anlass für Kritik. In der Vorstellung der mittelalterlichen Menschen hat der Heilige durchaus die Möglichkeit, sich gegen eine solche Behandlung seines Leichnams zu wehren und sie zu verhindern. So kann Bernhard von Clairvaux dem Leichnam des Heiligen Caesarius selbst mit einem Messer keinen einzigen Zahn entfernen. Das gelingt erst, als Bernhard zum Heiligen betet.

(8) Plünderung

Noch brutaler gehen die Menschen mit dem Leichnam der Heiligen Elisabeth von Thüringen um. Als sie im November 1231 stirbt und in Marburg aufgebahrt wird, richten Gläubige den Körper der Toten ziemlich übel zu: Sie schneiden ihr Kopfhaare, Fingernägel, Ohrläppchen und sogar die Brustwarten ab. Die Plünderung und Zerstückelung der Leiche erfolgt auch hier in der Hoffnung, so an die Reliquie einer Heiligen zu gelangen, um damit einen unmittelbaren Zugang zum Ohr Gottes zu erhalten.

Reliquiare sehen oft aus wie die Körperteile, die in ihnen enthalten sind. In diesem
Armreliquiar aus dem 15. Jahrhundert befinden sich der linke Oberarm sowie die rechte
Elle und Speiche von Kaiser Karl dem Großen
(Abbildung: Wikimedia Commons, ACBahn)

(9) Kauf

Wer nie in das zweifelhafte Vergnügen kommt, sich auf solche Weise eigenhändig mit Leichenteilen zu versorgen, dem bleibt im Mittelalter noch eine letzte Möglichkeit: Der Kauf von Reliquien. Das ist zwar offiziell durch die Kirche verboten, doch wen kümmern solche Verbote schon angesichts der verlockenden Aussicht auf einen direkten Draht ins Jenseits?! Auch hohe Geistliche kommen so in den Besitz von Reliquien: Im Jahr 1032 kauft etwa der Erzbischof Aethelnoth von Canterbury in Padua einen Arm des Heiligen Augustinus. Ausdrücklich erlaubt war der Kauf von Reliquien aus den Händen von „Ungläubigen“. Nach er Eroberung Jerusalems durch Saladin zahlen die Christen zum Beispiel eine enorme Summe, um von den Muslimen erbeutete Reliquien zurückzuerhalten.

(10) Fälschung

Der Bedarf an Reliquien ist im Mittelalter so konstant hoch, dass er kaum mit echten Leichenteilen gedeckt werden kann. Schon Augustinus berichtet im 4. Jahrhundert von herumziehenden Mönchen, die unechte Reliquien verkaufen. Erwirbt man im 12. Jahrhundert von zwielichtigen Händlern Knochensplitter von Heiligen, dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass es eigentlich gewöhnliche Tierknochen sind. In Rom werden unzählige Leichen ausgegraben, um sie anschließend als die Gebeine lokaler Heiliger zu verkaufen. Die Fälscher betreiben zum Teil erheblichen Aufwand: Gregor von Tours berichtet von einem Reliquienfälscher, der aus Wurzeln, Maulwurfszähnen, Bärenklauen und Bärenfett die vermeintlichen Gebeine zweier Märtyrer fertigt. Immer wieder verurteil die Kirche die Reliquienfälscher. Allein: Es hilft nichts. Der Wunsch nach Reliquien ist auch unter den einfachen Leuten im Mittelalter einfach zu groß.

Literatur

Geary, Patrick J.: Furta sacra. Thefts of Relics in the Central Middle Ages, Princeton ²1990.
Herrmann-Mascard, Nicole: Les reliquies des saints. Formation coutumière d’un droit, Paris 1975 (=Societé d’Histoire du Droit. Collection d’Histoire Institutionelle et Sociale 6).
Mayr, Markus: Geld, Macht und Reliquien. Wirtschaftliche Auswirkungen des Reliquienkultes im Mittelalter, Innsbruck/München 2000.
Schmitz-Esser, Romedio: Der Leichnam im Mittelalter. Einbalsamierung, Verbrennung und die kulturelle Konstruktion des toten Körpers, Ostfildern 2014 (=Mittelalter-Forschungen, Bd. 48), S. 129-137.
Schreiner, Klaus: “Discrimen veri ac falsi”. Ansätze und Formen der Kritik in der Heiligen- und Reliquienverehrung des Mittelalters, in: Archiv für Kulturgeschichte 48 (1966), S. 1-53.
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Mittwoch, 8. Juni 2016

Die Kaiserkrönung Konrads II. und der Streit zweier Erzbischöfe

Am Ostersonntag des Jahres 1027 erlebt Rom eine der prachtvollsten Kaiserkrönungen des Mittelalters. König Konrad II., seit 1024 König des Ostfrankenreichs und erster Salier auf dem Königsthron, wird von Papst Johannes XIX. in einer feierlichen Zeremonie die Kaiserkrone aufs Haupt gesetzt. Dem glanzvollen Krönungsakt in der alten Petersbasilika wohnen zahlreiche ranghohe Teilnehmer bei: Neben König Rudolf III. von Burgund und König Knut dem Großen von England, Dänemark und Norwegen befinden sich auch der Abt Odilo von Cluny sowie viele Erzbischöfe unter den Anwesenden. Ausgerechnet zwei Erzbischöfe sorgen durch einen Streit jedoch dafür , dass die Kaiserkrönung fast im blutigen Fiasko endet!

Die Reichskrone mit der auch Kaiser Konrad II. gekrönt wurde (Abbildung: Wikimedia Commons)

Konrad II. in Rom

Zu Beginn der mehrtägigen Feierlichkeiten anlässlich der Kaiserkrönung läuft noch alles reibungslos: König Konrad II. zieht feierlich in Rom ein und wird von den Römern ehrenvoll empfangen. Am Morgen des 26. März 1027 zieht Konrad dann in einer feierlichen Prozession zur Petersbasilika, wo der Papst vor der Kirche schon auf ihn wartet. Papst und König begrüßen sich und Konrad verspricht, den Papst und die Kirche als Kaiser zu schützen. Daraufhin begibt sich der Papst ins Innere der Kirche, Konrad soll ihm nachfolgen.

Ein Streit um Rang und Ansehen

Plötzlich ergreift jetzt der Erzbischof Heribert von Ravenna die rechte Hand des Königs und führt Konrad in die Kirche. Eigentlich hätte diese ehrenvolle Aufgabe dem Erzbischof von Mailand zugestanden. Doch mit dem befindet sich der Erzbischof von Ravenna seit langem im Konflikt. Die Eigenmächtigkeit Heriberts ist ein gezielter Angriff mit großer politischen Brisanz: Die Gesellschaft des Mittelalters ist streng nach Rang und Status geordnet. Jeder Herrscher, jeder Fürst, jeder Bischof – sie alle sind sehr genau darauf bedacht, den von ihnen beanspruchten Rang zu behaupten. Erzbischof Heribert von Ravenna usurpiert bei der Krönungszeremonie kurzerhand die Funktion des Mailänder Erzbischofs. So macht er auf symbolische Weise deutlich, dass in seinen Augen das Erzbistum Ravenna im Rang über der Mailänder Kirche steht.

Verhärtete Fronten zwischen Ravenna und Mailand

Die Anhänger Erzbischof Ariberts sind entsetzt – und offenbar zum gewaltsamen Widerstand gegen diese Herabstufung des Mailänder Erzbischofs bereit. Der Geschichtsschreiber Arnulf von Mailand berichtet, Aribert habe sofort die Kirche verlassen, um eventuelle Handgreiflichkeiten zwischen seinen Getreuen und den Anhängern des Erzbischofs von Ravenna zu verhindern. Gleichzeitig lässt sich hier eine der „Spielregeln“ der mittelalterlichen Politik erkennen: Aribert entfernt sich und demonstriert damit eindringlich seine Unzufriedenheit. Ein Verbleib in der Kirche käme dagegen einer implizierten Zustimmung zum Geschehen gleich. König Konrad II. bemerkt den tumultartigen Auszug von Aribert und seinem Gefolge aus der Kirche – nun ist es an Konrad, für einen Kompromiss zu sorgen, um die Kaiserkrönung nicht platzen zu lassen.

Die Reichskrone mit der auch Kaiser Konrad II.
gekrönt wurde (Abbildung: Wikimedia Commons)

Der König in der Zwickmühle

Konrad steht vor einem Problem: Er muss eine Entscheidung treffen, die beide Erzbischöfe zufrieden stellt und bei der alle Parteien ihr Gesicht wahren können. Bleibt bei einem der beiden Erzbischöfe das Gefühl zurück, dass sein beanspruchter Rang nicht genügend berücksichtigt wurde, so kann das im schlimmsten Fall zu blutigen Kämpfen führen. Konrad berät sich mit dem Papst und einigen Bischöfen und kommt zu einer tragfähigen Lösung, die Rücksicht auf den Erzbischof von Mailand nimmt, denn der ist Konrads wichtigster Verbündeter in Italien.

Drittes Kaisersiegel Konrads II. (Quelle: Wikimedia Commons)

Konrad findet einen Kompromiss

Konrad entscheidet sich für eine Wiederholung der Zeremonie: Er begibt sich erneut vor die Kirche und lässt sich dieses Mal vom Bischof von Vercelli, einem Geistlichen aus Mailand, in die Basilika geleiten. Auf diese Weise nimmt Konrad Rücksicht auf den Rang seines Mailänder Verbündeten und ermöglicht so die Fortsetzung der Kaiserkrönung. Dauerhaft gelöst war der Rangstreit zwischen den Erzbischöfen in Italien damit jedoch noch nicht: Im Jahr 1047 streiten sich die Erzbischöfe von Mailand und Ravenna auf der Synode von Sutri um die Sitzordnung. Wieder geht es darum, auf symbolische Weise den beanspruchten Rang zu behaupten – in diesem Fall kann sich der Erzbischof von Ravenna durchsetzen. Solche Streitigkeiten und ihre Lösung sind gute Beispiele für die Bedeutung sowohl von Rang und Ansehen als auch von symbolischen Handlungen und Gesten im politischen Leben des Mittelalters. Selbst scheinbar unbedeutende Dinge wie das Halten einer Hand enthielten im Mittelalter ein erhebliches Konfliktpotential.

Literatur

Wolfram, Herwig: Konrad II. (990–1039). Kaiser dreier Reiche, München 2000.
Erkens, Franz-Reiner: Konrad II. (um 990 – 1039). Herrschaft und Reich des ersten Salierkaisers, Regensburg 1998.
Althoff, Gerd: Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde, 2. Aufl., Darmstadt 2014, S. 294-297.
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Mittwoch, 1. Juni 2016

Heinrich der Löwe als Herzog von Bayern (1158-1180)

Am 6. August 1195 stirbt Heinrich der Löwe aus dem Adelsgeschlecht der Welfen, sicherlich eine der bekanntesten Persönlichkeiten des 12. Jahrhunderts. Als Herzog von Sachsen und Bayern erlangt Heinrich ab 1158 eine herausragende Position und macht sich zahlreiche Feinde unter den Großen des Reiches – was schließlich 1180 zu seiner Absetzung führt. Mit der Herrschaft Heinrichs in Sachsen hat sich die Forschung relativ intensiv auseinandergesetzt. Weniger gut erforscht ist dagegen, wie Heinrich der Löwe als Herzog von Bayern regierte. Das bekannteste und meistbeachtete Ereignis im Zusammenhang mit der Herrschaft Heinrichs des Löwen ist sicherlich der Brückenstreit mit dem Bischof von Freising und der damit verbundene Eintritt Münchens in die Geschichte.

Doch welche Spuren hat Heinrich der Löwe als Herzog darüber hinaus in Bayern hinterlassen? Wie regierte er im bayerischen Herzogtum? Und welche Bedeutung hatte seine Herzogsherrschaft für die Geschichte Bayerns?

Herzog Heinrich der Löwe, Kartular des Klosters Weissenau (um 1220),St. Gallen, Kantonsbibliothek Vadiana, VadSlg Ms. 321, S. 48; Quelle: Wikimedia Commons

Probleme für Heinrichs Herrschaft in Bayern

Bereits seit 1070 regieren – mit einigen Unterbrechungen – welfische Herzöge in Bayern. Dennoch ist die Position Heinrichs des Löwen in Bayern alles andere als gesichert. Schon durch Heinrichs sächsische Herkunft besteht eine Sprachbarriere zwischen den bayerischen Untertanen und ihrem welfischen Herzog mit seiner mittelniederdeutschen Muttersprache. Zudem verfügt Heinrich der Löwe in Bayern nur über wenig Eigengut – ganz im Gegensatz zu den eingesessenen Adelsfamilien wie den Wittelsbachern, den Vohburgern oder den Andechsern. Vorteilhaft für Heinrich ist die herausgehobene Rechtsstellung des bayerischen Herzogs. Allerdings sind damit die weiteren Entwicklungsmöglichkeiten für das bayerische Herzogsamt natürlich schon relativ ausgereizt. Auch eine territoriale Expansion ist in Bayern nicht möglich: Das Herzogtum ist auf allen Seiten von anderen gefestigten Herrschaften umgeben. Das Herzogtum Sachsen bietet für den institutionellen und territorialen Herrschaftsausbau insgesamt bessere Möglichkeiten. Dennoch bemüht sich Heinrich der Löwe auch in Bayern um die Festigung seiner herzoglichen Stellung.

Heinrich der Löwe und der bayerische Adel

Der Löwe nutzt vor allem die Landtage als Mittel zur Demonstration seines herzoglichen Rangs. Zentraler Aspekt dieser Stellung sind die richterlichen Kompetenzen des bayerischen Herzogs. Doch Heinrichs Herrschaft in Bayern ist durch Phasen langer Abwesenheit gekennzeichnet, insgesamt hält er sich nur neun Mal im Land auf. Um dennoch eine einigermaßen effektive Herrschaft realisieren zu können, setzt Heinrich auf ein System aus Grafschaften: Die Grafen sollen vor Ort als verlängerter Arm des Herzogs fungieren. Diese Position und die Nähe zum Herzog ermöglichen einer Reihe von Grafenfamilien den politischen Aufstieg zu einflussreichen lokalen Herrschaften. In Abwesenheit des Herzogs legen sich die Grafen sogar eigene Wappen und Siegel zu. Besonders das Amt des Pfalzgrafen erlebt unter Heinrich dem Löwen eine Blütezeit: Pfalzgraf Otto von Wittelsbach ist als Vertreter des Herzogs für Rechtsprechung und Friedenswahrung in Bayern zuständig. Als 1180 Heinrich der Löwe abgesetzt wird, erlangt Otto schließlich selbst die Herzogswürde – auch dank seiner jahrzehntelangen konsequenten Unterstützung Kaiser Barbarossas. Die bedeutenden bayerischen Adelssippen bleiben jedoch tendenziell auf Abstand zu Herzog Heinrich dem Löwen. Das zeigt sich nie offensichtlicher als 1180: Kein bayerischer Adeliger stellt sich auf die Seite des um seinen Rang kämpfenden abgesetzten welfischen Herzogs.

Heinrich der Löwe und die bayerischen Städte

Besonders als Förderer von Städten tut sich Heinrich der Löwe in Bayern hervor. Der Historiker Alois Schmid erkennt eine gezielte „Städtepolitik“ des Löwen: Heinrich habe versucht, die bayerischen Bischöfe durch die Förderung von „Gegenstädten“ unter Druck zu setzen. Insgesamt ließen sich so vier Bischofsstädte und ihre jeweiligen „Gegenstädte“ in Bayern ausmachen: Regensburg und Donaustauf, Augsburg und Landsberg, Salzburg und Burghausen und selbstverständlich Freising und München. Rudolf Schieffer hat Einwände gegen die These von eine solchen planvollen „Städtepolitik“ vorgebracht: Im Fall Münchens habe Heinrich zum Beispiel keine neue Siedlung gegründet, sondern lediglich eine bestehende ausgebaut. Zudem habe der Löwe weder München noch einer der anderen Siedlungen überhaupt das Stadtrecht verliehen. Die Förderung der erwähnten Siedlungen ist wohl weniger als gezielte antibischöfliche Politik zu deuten, sondern wird vielmehr von zwei anderen Faktoren bestimmt: Salzgewinnung und Handel. So liegt etwa Burghausen direkt nördlich von Reichenhall mit seinen Salzvorkommen, wo sich Heinrich 1168 das Erbe der Hallgrafen sichert. München an der Isar und Landsberg am Lech dienen ihrerseits zur Kontrolle des Handelswegs von Osten nach Westen. Der Zentralort Bayerns im 12. Jahrhundert ist jedoch Regensburg und dementsprechend versucht auch Heinrich der Löwe hier seine herzogliche Position auszubauen. Was im sächsischen Braunschweig gelingt, nämlich der Ausbau der Stadt zur Frühform einer Residenz, das misslingt in Regensburg. Dies liegt auch am Widerstand Bischofs Hartwig von Regensburg.

Heinrich der Löwe und die bayerische Kirche

Mit dem Regensburger Bischof gerät Heinrich schon unmittelbar nach seiner Ernennung zum Herzog von Bayern aneinander. Als Anlass kommen sowohl die Besetzung einer bischöflichen Burg (vermutlich Donaustauf) als auch die erwähnten Versuche zur Intensivierung der herzoglichen Herrschaft in Regensburg in Frage. Jedenfalls entbrennt zwischen Herzog und Bischof 1161 eine verlustreiche Fehde. Heinrich kann sich schließlich in Regensburg nicht durchsetzen, schon zu Beginn der 1160er bricht seine Position in der Stadt zusammen. Dennoch sollte nicht verschwiegen werden, dass die bayerischen Bischöfe regelmäßig und fast vollständig auf den sieben Landtagen Heinrichs des Löwen erscheinen, wo sie den Herzog als Richter in Streitfragen anrufen. Als Förderer von Klöstern kann Heinrich dagegen kaum auftreten, ihm fehlen in Bayern einfach die nötigen Ländereien. Ganz untätig bleibt er jedoch auch in diesem Bereich nicht, das beweist eine Urkunde für das Kloster Reichenhall von 1172.

Urkunde Heinrichs des Löwen als Herzog von Bayern für das Kloster Reichenhall von 1172; Quelle: Wikimdia Commons

Die Bedeutung der Herrschaft Heinrichs des Löwen für Bayern

Insgesamt hat Heinrich der Löwe also nicht nur mit der Verlegung der Brücke von Föhring nach München seine Spuren in Bayern hinterlassen. Aber warum wird seine Herzogsherrschaft in Bayern dennoch in der öffentlichen Wahrnehmung meist darauf beschränkt? Vielleicht ist eine Ursache im Erfolg der wittelsbachischen Dynastie zu suchen. Nach der Absetzung Heinrichs des Löwen 1180 wird Otto von Wittelsbach zum neuen Herzog von Bayern – und steht damit am Beginn der über 800-jährigen Herrschaft der Wittelsbacher über Bayern, die erst 1918 endet. Unter dem Einfluss des nachhaltigen Erfolgs der Wittelsbacher hatte es die Erinnerung an den letzten welfischen Herzog von Bayern naturgemäß schwer, weshalb schon die mittelalterliche Geschichtsschreibung die Herrschaft des abgesetzten Herzogs lediglich als Ausgangspunkt für den Aufstieg der Wittelsbacher streift.

Literatur

Ehlers, Joachim: Heinrich der Löwe. Eine Biographie, München 2008.
Kraus, Andreas: Heinrich der Löwe und Bayern. In: Mohrmann, Wolf-Dieter (Hg.): Heinrich der Löwe. Göttingen 1980, S. 151-214 (=Veröffentlichungen der Niedersächsischen Archivverwaltung, Heft 39).
Schieffer, Rudolf: Heinrich der Löwe, Otto von Freising und Friedrich Barbarossa am Beginn der Geschichte Münchens. In: Hechberger, Werner/Schuller, Florian (Hg.): Staufer & Welfen. Zwei rivalisierende Dynastien im Hochmittelalter, Regensburg 2009, S. 66-77.
Schmid, Alois: Heinrich der Löwe als Herzog von Bayern. In: Luckhardt, Jochen/Niehoff, Franz (Hg.): Heinrich der Löwe und seine Zeit. Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125–1235. Katalog der Ausstellung Braunschweig 1995. Band 2 Essays, München 1995, S. 173-179.
Schneidmüller, Bernd: Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung (819–1252), 2. Aufl., Stuttgart 2014.
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