Kaiser und Kalif: Karl der Große und der Orient

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Karl der Große: Kriegsherr und Heiliger, Vater Europas und Kaiser, Förderer der Wissenschaften – und erster Kreuzritter?!

Tatsächlich: In der Mitte des 11. Jahrhunderts – über 200 Jahre nach dem Tod Kaiser Karls – berichtet eine Erzählung aus dem französischen Kloster Saint Denis bei Paris vom erfolgreichen Heerzug Karls des Großen ins Heilige Land und der Eroberung Jerusalems. Zum Dank habe der Kaiser wertvolle Reliquien erhalten: einen Teil der Dornenkrone Christi und einen Nagel des Wahren Kreuzes. Diese Kostbarkeiten habe König Karl der Kahlen (gest. 877) schließlich dem Kloster Saint Denis übergeben.
Stattgefunden hat ein solcher Kreuzzug Karls des Großen jedoch nie, da sind sich die Historiker heute sicher. Vielmehr sollte die Erzählung unter anderem eine Erklärung dafür liefern, wie man im Kloster Saint Denis in den Besitz der bedeutenden Reliquien gelangt war. Gleichzeitig diente die Verbreitung des Wissens um die Existenz dieser Reliquien der Wiederaufwertung des Klosters.

Was ist also dran an den Berichten der mittelalterlichen Geschichtsschreiber?

Beruht die Vorstellung, Karl der Große sei selbst als Pilger oder gar als Kreuzritter in den Orient gezogen im Kern auf realen Begebenheiten? Immerhin mussten es die Leser der Erzählung der Mönche von Saint Denis ja durchaus für plausibel halten, dass Karl der Große ein solches Unternehmen angeführt haben könnte.
Oder sind die Kreuzzugserzählungen nur Früchte der überschäumenden Phantasie der mittelalterlichen Autoren – und damit Teil der ausufernden Mythenbildung rund um den ersten karolingischen Kaiser? Schließlich musste Karl der Große im Hoch- und Spätmittelalter überall dort als Gründer und Stammvater herhalten, wo ein Geschichtsschreiber die besonders Ausnahmestellung eines Klosters oder eines Adelsgeschlechts betonen wollte.

Die islamische Welt zur Zeit Karls des Großen

Die islamischen Herrschaftsgebiete erstreckt sich um 800 vom Nahen Osten über Nordafrika bis nach Spanien – und bildet keineswegs einen einheitlichen Herrschaftskomplex. Seit 750 herrschen in Bagdad Kalifen aus der Dynastie der Abbasiden. In Spanien dagegen kann sich im Emirat von Córdoba die alte umayyadische Herrscherdynastie halten, die jedoch von rebellischen islamischen Lokalherrschern unter Druck gesetzt wird. Und in der Tat: Sowohl nach Spanien als auch nach Bagdad bestehen Verbindungen Karls des Großen.

Darstellung Karls des Großen in der Chronik des Ekkehard von Aura um 1112/14,
Cambridge Corpus Christi, Ms 373, fol. 24r (Quelle: Wikimedia Commons)

Die Gesandtschaft Karls des Großen nach Bagdad

Schon König Pippin, der Vater Karls des Großen, hat in den 760er Jahren Gesandte zum Abbasidenkalif Al-Mansur (754–775) geschickt und damit den begrenzten politischen Horizont der späten Merowingerkönige radikal erweitert. Im Jahr 797 bricht dann eine dreiköpfige Gesandtschaft Karls des Großen nach Bagdad auf: Zwei Franken namens Landfrid und Sigismund sowie ein Jude namens Issak, der als Fernhändler wohl die nötigen Sprach- und Ortskenntnisse mitbringt. Von der gefahrvollen Reise an den Hof des Kalifen Harun Ar-Raschid kehrt Isaak als einziger zurück – jedoch nicht alleine.
Von seiner fünfjährigen Mission nach Bagdad bringt Isaak wertvolle Geschenke des Kalifen für Karl den Großen mit, darunter einen Elefanten. Abul Abaz ist der erste namentlich bekannte Elefant nördlich der Alpen. Eine Sensation im frühmittelalterlichen Europa! Das exotische Geschenk bedeutet einen enormen Prestigegewinn für Karl den Großen – das fremde und mächtige Tier ist ein weiteres Zeichen seiner herausragenden Stellung. Gleichzeitig stiftet der Austausch von Geschenken im Mittelalter auch eine besondere Beziehung zwischen zwei Personen. Die Präsente sind also nicht nur als wohlwollende Gunsterweise zu verstehen, sondern hatten durchaus eine Bedeutung als politisches Instrument. Die Annahme oder Ablehnung von Geschenken kann deshalb auch als Aussage über den aktuellen Stand der Beziehung zwischen zwei Parteien verstanden werden.

Geschenke aus Bagdad

Doch der weiße Elefant ist nicht das einzige Geschenk aus Bagdad. Isaak bringt auch kostbare Kleider mit, die in den fränkischen Quellen ausdrücklich erwähnt werden. Auch diese wertvollen Textilien steigern das symbolische Kapital Karls – doch können sie ebenso gut als subtiler Hinweis darauf gedeutet werden, welchen Rang der Kalif dem fränkischen Herrscher tatsächlich zuspricht.
Vielleicht handelt es sich nämlich bei dem Geschenk um ein Ehrengewand (hil’a), das sonst untergeordnete Amtsträger vom Kalifen erhalten – und das damit auf symbolischer Ebene die Überlegenheit des Kalifen auch gegenüber Karl ausdrückt. Wahrscheinlich ist man sich am Hof Karls des Großen dieser subtilen Zurückstufung aber gar nicht bewusst.
Seinem Selbstverständnis nach steht Karl nämlich nahezu gleichrangig neben dem byzantinischen Kaiser und auch dem Kalifen von Bagdad. Dass man in Bagdad ganz anders denkt, zeigt nicht nur das Geschenk des Ehrengewandes, sondern auch das bezeichnende Schweigen der arabischen Quellen über die fränkische Gesandtschaft. Offenbar ist die Ankunft der Franken kein berichtenswertes Ereignis. In den fränkischen Quellen erfahren die Berichte über die Gesandtschaften dagegen relativ viel Aufmerksamkeit. Noch in späteren Jahrhunderten erinnert man sich in Deutschland an die Orientgesandten Karls: In der „Historischen Galerie“ im Maximilianeum in München mit ihren Historiengemälden zu Höhepunkten der Weltgeschichte findet sich auch ein Gemälde der Gesandtschaft Karls an Harun al-Raschid.

Julius Köckert: Harun al-Raschid empfängt die Gesandtschaft Karls des Großen (1864) (Quelle: Wikimedia Commons)

Gesandtschaftsverkehr zwischen den Höfen

Der wahrscheinliche Zweck der Gesandtschaft, die prekäre Lage der christlichen Klöster in Jerusalem, macht auch nach 800 weiteren diplomatischen Austausch zwischen dem fränkischem Reich und dem Kalifat von Bagdad nötig. Mit dem oströmischen Reich und dem Emir von Cordoba hat man zudem gemeinsame Gegner. So folgt 802 unmittelbar nach der Rückkehr Isaaks eine weitere fränkische Gesandtschaft in den Nahen Osten, die insgesamt vier Jahre unterwegs ist. Auch sie hat Geschenke dabei: Tuche aus Friesland und Jagdhunde. Im Jahr 807 treffen dann auch Gesandte aus dem Orient am Hof Karls des Großen ein: Zwei Mönche aus Jerusalem und Beauftragte des Kalifen bringen kostbare Seidengewänder und weitere exotische Geschenke mit – darunter eine Wasseruhr. Auch wenn wir den genauen Inhalt der Verhandlungen und Gespräche zwischen Karl und den Gesandten nicht kennen, zeigt die Übergabe von Geschenken, dass man zu einem grundsätzlichen Konsens gekommen sein muss.

Karl der Große im Orient: Mythos und Wahrheit

Ganz ohne historische Basis fertigte man in Saint Denis die Kreuzzugserzählung also nicht an. Zwar bestanden Kontakte Karls in den Orient, jedoch nur in Form von Gesandtschaften. Selbst auf den Weg nach Osten hat Kaiser Karl sich nie gemacht – von einem Heerzug ganz zu schweigen. Dennoch ist auch dieser Aspekt nicht ganz aus der Luft gegriffen: Tatsächlich unternahm Karl der Große militärische Vorstöße gegen den Emir von Córdoba. Im Rahmen der Legendenbildung um Karl den Großen und unter dem Eindruck der Kreuzzüge des 12. Jahrhunderts verbanden sich später das Wissen um die Kämpfe Karls mit den Muslimen und um die Kontakte in den Orient zu einer neuen Geschichte vom Kreuzfahrer Karl.

Literatur

Segelken, Barbara/Urban, Tim: Karl der Große als Akteur im Mittelmeerraum. In: Kaiser und Kalifen. Karl der Große und die Mächte am Mittelmeer um 800, hg. von der Stiftung Deutsches Historisches Museum, Berlin/Darmstadt 2014, S. 10-13.
Jaspert, Nikolas: Von Karl dem Großen bis Kaiser Wilhelm: Die Erinnerung an vermeintliche und tatsächliche Kreuzzüge in Mittelalter und Moderne, in: Gaube, Heinz/Schneidmüller, Bernd/Weinfurter, Stefan (Hg.): Konfrontation der Kulturen? Saladin und die Kreuzfahrer, Mainz 2005, S. 136-159 (=Schriftenreihe des Landesmuseums für Natur und Mensch, 34).
Bieberstein, Klaus: Der Gesandtenaustausch zwischen Karl dem Großen und Harun ar-Rasid und seine Bedeutung für die Kirche Jerusalems. In: Zeitschrift des Deutschen Palästinavereins 109 (1993), S. 152-173.

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1 Kommentare

  1. Ein weiterer Beweis dafür, dass Karl der Große nie existiert hat. Keine Erwähnung in den arabischen Quellen? Das solcher Art Kontakte in Bagdad ignoriert wurden, ist wahrlich unwahrscheinlich.

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