Die Wahl von Papst Felix V. – eine haarige Angelegenheit

Am 15. Dezember 1439 erscheinen vier hochrangige Kirchenvertreter in Ripaille am Genfer See. Ihr Ziel: Ein kleines Kloster, in ...

Am 15. Dezember 1439 erscheinen vier hochrangige Kirchenvertreter in Ripaille am Genfer See. Ihr Ziel: Ein kleines Kloster, in das sich die Brüder des Moritzordens, eines geistlichen Ritterordens, zurückgezogen haben, um ein Leben in Armut und Frömmigkeit zu verbringen. Die Delegierten haben eine ganz besondere Nachricht im Gepäck: Einer der Eremiten, der rauschbärtige Amadeus, ist vorigen Monat in Basel vom großen Konzil zum neuen Papst gewählt worden. Doch statt die Wahl anzunehmen, bittet Amadeus um Bedenkzeit. Er will sich zunächst mit seinen Ratgebern besprechen.

Am nächsten Tag tritt Amadeus vor die Konzilsdelegation: Er wolle die Wahl annehmen, so erklärt er ihnen, doch er habe einige Forderungen. Unter anderem will er auf jeden Fall seinen Bart behalten – keine Diskussion!

Woher nimmt der bärtige Eremit die Dreistigkeit, solche teils kuriosen Forderungen zu stellen? Und warum legt er so großen Wert ausgerechnet auf seinen Bart? Die Papstwahl von 1439 wird durch die Forderungen von Herzog Amadeus zu einer ziemlich haarigen Angelegenheit.

1. Forderung: Amadeus will seinen weltlichen Namen behalten!

Es ist eine jahrhundertealte Tradition, die auch heute noch befolgt wird: Direkt nach der Wahl gibt jeder neue Papst sich einen neuen Namen. Angefangen hat das alles im 6. Jahrhundert mit einem gewisser Mercurius, der als Papst den Namen des heidnischen Gottes ablegt und sich fortan Johannes II. nennt. Und nun will ausgerechnet ein einfacher Eremit aus einem winzigen Kloster mit dieser Tradition brechen und als Papst Amadeus I. den Papstthron besteigen?>

Doch Amadeus ist kein gewöhnlicher Eremit: Seit 1391 ist er Graf von Savoyen, seit 1416 sogar der Herzog des Landes. Doch 1434 zieht Herzog Amadeus VIII. sich aus der aktuellen Tagespolitik in das Kloster am Genfer See zurück. Trotzdem dankt er nicht endgültig ab als Herzog. Ein möglicher Grund für seine Forderung: Als Papst Amadeus I. würde der Herzog den Namen seiner Vorfahren in den Papstlisten verewigen – und so das Ansehen der eigenen Dynastie enorm steigern!

Herzog Amadeus VIII. und sein Hof. Miniatur von Jean Bapteur in einer Handschrift von De doctrina dicendi et tacendi des Albert von Brescia, um 1430.  Bruxelles, Bibliothèque Royale de Belgique, ms. 10317-18. Abbildung aus: , Pasquet, Olivier: Étude géo-historique du vignoble et des paysages viticoles savoyards. Phase 1: les origins, 2012, S. 52

Durchsetzen kann sich Amadeus mit seinem Wunsch jedoch nicht, auch er muss sich als Papst einen neuen Namen geben: Aus Herzog Amadeus VIII. wird so Papst Felix V.

2. Forderung: Amadeus will sein Eremitengewand behalten!

Nicht nur seinen Namen will Amadeus behalten, auch auf sein Eremitengewand will er nicht verzichten. Das einfache graue Gewand eignete sich natürlich überhaupt nicht als Papstoutfit, schon allein weil sich traditionell Weiß und Rot als Farben des Papstes etabliert haben. Soll die Beibehaltung der grauen Eremitenkleidung etwa eine besondere Demut ausdrücken? Irgendwie unglaubwürdig. Wahrscheinlich ist die Forderung nach Beibehaltung des Eremitengewandes nur ein Vorwand, eine Art Tarnung. Das Ziel des neuen Papstes? Er will um jeden Preis seinen Bart behalten!

3. Forderung: Amadeus will seinen Bart behalten!

Der Bart – er ist das prägnanteste Merkmal von Herzog Amadeus VIII. Auch als er sich mit den Rittern von St. Mauritius nach Ripaille zurückzieht, nimmt Amadeus den Bart nicht ab. Natürlich passt ein wuchernder Bart gut zum zurückgezogenen Leben eines Eremiten und zu dessen grauen Gewändern. Beibehaltung der Eremitenkleidung und des Bartes gehen also durchaus Hand in Hand. Doch der Bart ist noch viel mehr: Er ist ein Symbol der fürstlichen Macht seines Trägers! Der Bart ist – ebenso wie das Schwert – ein Herrschaftszeichen, das den Mann als mächtigen Herzog ausweist. Gelingt es Amadeus, seinen Bart auch als Papst zu behalten, dann sieht man ihm schon von weitem seinen enormen Rang an: Er ist sowohl Herzog als auch Papst! Das Problem: Für Päpste ist seit dem Hochmittelalter die Bartlosigkeit vorgeschrieben, um die Geistlichen strikt vom weltlichen Lebensbereich abzugrenzen.

Zunächst scheint es aber so, als könne Amadeus sich durchsetzen: In der Woche vom 17. bis zum 25. Dezember 1439 tritt Felix V. als bärtiger Papst auf. Den Weihnachtsgottesdienst feiert der neue Papst dann jedoch glattrasiert – und übergibt folgerichtig während der Messe die Herzogsherrschaft vollständig seinem Sohn Ludwig. Felix V. ist damit nur noch Papst. Und bartlos. Doch das ist nicht das einzige verbleibende Problem.

Der bartlose Papst Felix V. auf einem Holzschnitt in der Schedelschen Weltchronik von 1493, Blatt 242 verso.
Abbildung aus der Digitalen Sammlung der Staatsbibliothek München.

Das große Problem: Es gibt bereits einen Papst!

Die Wahl von Papst Felix V. findet unter ungewöhnlichen Umständen statt: Seit 1431 tagt in Basel ein Kirchenkonzil, das sich eigentlich um die grundlegenden innerkirchlichen Probleme der Zeit kümmern soll. Überschattet wird die Versammlung allerdings vom Streit zwischen dem Konzil und Papst Eugen IV., der das Basler Konzil schließlich 1437 sogar für aufgelöst erklärt und ein eigenes Konzil nach Ferrara einberuft. In Basel lehnt man dieses päpstliche Konzil ab – und entscheidet sich zu einem radikalen Schritt: Am 25. Juni 1439 wird Papst Eugen auf dem Basler Konzil für abgesetzt erklärt. Eugen IV. gibt sich davon unbeeindruckt, doch in Basel gilt der Papstthron nun als vakant. Der nächste Schritt der Konzilsteilnehmer: Die Wahl eines neuen Papstes – beziehungsweise eines eigenen Papstes, denn Eugen IV. kann weiterhin auf die Unterstützung einer großen Zahl an geistlichen und weltlichen Fürsten zählen. Die Wahl fällt auf Herzog Amadeus VIII., den bärtigen Eremiten.

Amadeus kann sich als Papst Felix V. jedoch nie gegen Eugen IV. durchsetzen und tritt am 7. April 1449 schließlich freiwillig zurück. Er gilt heute als letzter Gegenpapst. Ob er sich in den letzten beiden Lebensjahren vor seinem Tod am 7. Januar 1451 wieder einen Bart wachsen ließ, ist leider nicht überliefert.


Literatur

Gießmann, Ursula: Der letzte Gegenpapst: Felix V. Studien zu Herrschaftspraxis und Legitimationsstrategien (1434 – 1451), Böhlau 2014.
Helmrath, Johannes: Das Basler Konzil 1431–1449. Forschungsstand und Probleme, Köln/Wien 1987.

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