Herzog Tassilo III. von Bayern (748–788)

Herzog Tassilo III. von Bayern (748–788) | Curiositas Albrecht der Entartete, Johanna die Wahnsinnige oder Otto der Faule – wen...

Herzog Tassilo III. von Bayern (748–788) | Curiositas

Albrecht der Entartete, Johanna die Wahnsinnige oder Otto der Faule – wenn es um Beinamen für mittelalterliche Herrscher geht, kennen Zeitgenossen und Nachwelt oft wenig Gnade. Und nur wenige kommen so gut weg wie etwa Karl der Große. Der bayerische Herzog Tassilo III. (748–788) wird zum Beispiel in der Erinnerung oft reduziert auf seine Niederlage im Konflikt mit eben jenem Karl: Tassilo III., der Verlierer. In mittelalterlichen Sagen und Legenden liest sich das Schicksal Tassilos wie eine klassische Tragödie: Aufstieg zu enormer Machtfülle als Herzog von Bayern – Konflikt mit dem mächtigen König Karl dem Großen – und schließlich Absturz zum geschorenen und geblendeten Greis in einem Kloster. Ihr dramatisches Potential verdanken diese Erzählung natürlich der enormen Fallhöhe Herzog Tassilos. Wie mächtig und erfolgreich war Tassilo III. als Herzog von Bayern also?

Statue Herzog Tassilos III. über dem Eingang zum innere Hof des Stiftes
Kremsmünster (Abbildung: Wikimedia Commons, Walter Isack)

Beste Voraussetzungen für den jungen Herzog von Bayern

Bei seinem Herrschaftsantritt im Jahr 748 kann sich der junge Herzog Tassilo III. auf großen Grundbesitz und eine vielköpfige Gefolgschaft stützen. Beides hat ihm sein Vater, Herzog Odilo aus der Familie der Agilolfinger, hinterlassen. Eigenständig Schalten und Walten kann Tassilo aber erst ab 757 – erst dann ist er volljährig. Geboren wurde Tassilo also wohl um 741, doch sein genaues Geburtsjahr kennen wir nicht. Dafür sind wir über die rechtliche Stellung des bayerischen Herzogs ziemlich gut im Bilde. In der Lex Baiuvariorum, dem Volksrecht der Bajuwaren aus dem 8. Jahrhundert, heißt es:
„Der Herzog, der im Volk an der Spitze steht, ist immer aus dem Geschlecht der Agilolfinger gewesen und soll es sein, denn so haben es die Könige unserer Vorgänger ihnen bewilligt.“ (Zit. nach Rosenstock, 1928, S. 30).
Auch um die Kirche steht es im Herzogtum bestens: Odilo hat mit den Bistümern Regensburg, Passau, Freising und Salzburg die noch heute bestehende Kirchenorganisation für Bayern geschaffen. Zwischen Herzog und Kirche bestehen enge Bande, Tassilo III. betrachtet sich dementsprechend selbst als Herr über die bayerische „Herzogskirche“ (Wilhelm Störmer).

Drei bayerische Synoden unter Herzog Tassilo III.

Diese Stellung zeigt sich nirgends klarer als bei der Einberufung von Synoden, also von Versammlungen der wichtigen Geistlichen (Bischöfe, Äbte und dergleichen). Gleich drei bayerische Synoden beruft Tassilo III. ein: Nach Aschheim (756), nach Dingolfing (770 oder 777) und nach Neuching (771). Auf diesen Versammlungen beschließen die Geistlichen zusammen mit dem Herzog neue Regeln und Maßnahmen für eine Vielzahl von Themen: Frauen sollen besser geschützt werden, Inzestehen sollen verboten sein, der Herzog soll zukünftig für die Kirche die Abgaben eintreiben, Geistliche sollen den ordnungsgemäßen Ablauf von Gerichtsverfahren überwachen und die Bischöfe wollen dafür sorgen, dass Mönche und Nonnen ihrem Gelübde entsprechend leben. Zwar können nicht alle dieser Ziele auch verwirklicht werden, doch insgesamt sind die Kirchenversammlungen ein deutliches Zeichen des politischen und religiösen Gestaltungswillens Herzog Tassilos III. in Bayern.


Klostergründungen durch Herzog Tassilo III.

Herausragende Leistungen vollbringt Tassilo III. auch als Gründer von Klöstern in Bayern: An der Gründung von insgesamt etwa 15 Klöstern war Tassilo beteiligt. Aus einer Urkunde wissen wir zum Beispiel, dass der Herzog im Jahr 769 dem Abt Atto von St. Peter in Scharnitz den Ort Innichen im Pustertal geschenkt hat, um dort ein Benediktinerkloster zu errichten. Für das Kloster Kremsmünster lässt sich der Text einer solchen Gründungsurkunde zumindest rekonstruieren: Tassilo gründet dieses Kloster im Jahr 777. Noch heute wird im Kloster jedes Jahr am 11. Dezember in Erinnerung an Herzog Tassilo III. ein „Stiftertag“ gefeiert. Auf der Fraueninsel erinnert eine gigantische Linde an den Klostergründer.

Die Tassilolinde auf der Fraueninsel

Tassilo als legendärer Klostergründer

Auch das Kloster Mattsee soll eine Gründung Tassilos III. sein, allerdings hat sich keine Gründungsurkunde erhalten – das macht die Sache natürlich ein wenig komplizierter. Schon im Mittelalter wissen selbst die Mönche von Mattsee nicht mehr genau, wann und von wem ihr Kloster eigentlich gegründet wurde. Im 14. Jahrhundert greift der Geschichtsschreiber Christian Gold, selbst Kleriker im Kloster Mattsee, deshalb zu einem kleinen Trick: Er kopiert einfach die bekannte Gründungsgeschichte und die Gründungsdaten des Klosters Kremsmünster und macht so auch Kloster Mattsee zu einer Gründung Herzog Tassilos III. aus dem Jahr 777. Die moderne Forschung (Wilhelm Erben) hat die Fälschungsarbeit Christian Golds zwar entlarvt, doch wahrscheinlich war Herzog Tassilo III. tatsächlich an der Gründung des Klosters beteiligt. Mattsee ist kein Einzelfall: Viele bayerische Klöster führen sich auf Herzog Tassilo III. als Gründer zurück – und oft lässt sich nicht entscheiden, ob es sich dabei um Legende oder Wahrheit handelt.

Das Torhaus im Kloster Frauenchiemsee stammt aus der Zeit Herzog Tassilos III. 

Unterwerfung der Karantanen

Herzog Tassilo III. feiert auch militärische Erfolge. Mit der Unterwerfung der Karantanen im Jahr 772 gelingt die Vergrößerung seines Machtbereichs nach Osten. Doch Tassilo geht es um mehr als nur räumliche Expansion: Seine Kriegszüge sollen auch die Missionierung der Alpenslawen zum Christentum ermöglichen. Wie wichtig den Zeitgenossen solche Kriegszüge als Gradmesser für den Erfolg von Tassilos Herrschaft sind, zeigt sich im Brief eines gewissen Clemens aus dem Jahr 772. Clemens wünscht sich für Tassilo große Erfolge im Kampf gegen die Ungläubigen:
„Möge unser Herr mit Tassilo sein, so wie er mit Abraham war, der die Könige der fünf Völker verfolgt hat und zurückkehrte mit Sieg und Beute. Möge der allmächtige Herr ein Kämpfer für dich [Tassilo] sein, so wie er es für Moses und Josua, den Sohn des Nun, war, die über die Amalekiter triumphiert haben. […] Möge der Herr deine Feinde töten in deinem Angesicht so wie er viele Völker im Angesicht der Söhne Israels getötet hat.“ (MGH Epistolae. 4, ed.E. Dümmler, S. 496-497, hier S. 496 Z. 22-25 und Z. 26-27)

Der Tassilokelch: Zeichen von Tassilos herausragender Stellung

Die Erfolge Tassilos im kirchlichen und militärischen Bereich sind ziemlich beeindruckend und dementsprechend groß war sein Ansehen und seine Stellung. Die Liste der Beispiele für die besondere Stellung Herzog Tassilos III. ist lang: In Salzburg entsteht während der Herrschaftszeit Tassilos ein gigantischer Dom. Die alte Römerstadt Regensburg wird zum Herrschaftszentrum mit urbaner Infrastruktur ausgebaut. Tassilos Herzogtitel gleicht der Form nach dem Königstitel Karls des Großen. Der Sohn Tassilos wird 772 in Rom vom Papst höchstpersönlich getauft und gesalbt. Das anschaulichste Zeichen für den herausragenden Rang Herzog Tassilos III. ist der sogenannte Tassilokelch. Die Inschrift auf dem Kelch spricht Bände:
„TASSILO, TAPFERER HERZOG + LIUTPIRG, KÖNIGLICHER SPROSS“
Das Herzogsehepaar strebt in der Herrschaftsrepräsentation einer königsnahen Sphäre entgegen.

Der Tassilokelch ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Blüte der Kunst unter Herzog
Tassilo III. von Bayern (Abbildung: Wikimedia Commons, Andreas Püttman)

Warum kann sich Tassilo dann eigentlich nicht gegen Karl den Großen durchsetzen?

Angesichts seiner Erfolge und seiner herausragenden Stellung scheint diese Frage nicht ganz unangebracht. Wieso kann Karl den bayerischen Herzog 788 relativ zügig auf gerichtlichem Wege absetzen? Wieso kommt es nicht zu größerem militärischen Widerstand in Bayern? Eine mögliche Antwort: Herzog Tassilo hat schon vor seiner Absetzung die Unterstützung des bayerischen Adels und Klerus verloren. Tassilo begeht offenbar einen fatalen Fehler: Er beteiligt den bayerischen Adel nicht an der Beute, die er bei seinen militärischen Siegen macht – ganz im Gegensatz zu Karl dem Großen. Egal ob bei den Eroberungen in Italien oder Sachsen, Karl entlohnt seine adeligen Mitstreiter stets angemessen. Als der bayerische Adel sich schließlich 788 zwischen Tassilo und Karl dem Großen entscheiden muss, gibt wohl auch die Aussicht auf zukünftige Beute den Ausschlag für den karolingischen Herrscher – und Herzog Tassilo III. wird so zum Verlierer.

Literatur

Bouzek, Helmut: Art. „Tassilo III., ‚der Verlierer‘“, Ökumenisches Heiligenlexikon.
Dopsch, Heinz: Zur Gründung der Abtei Mattsee. Die erste Klosterstiftung Herzog Tassilos III.?, in: Kolmer, Lothar/Rohr, Christian (Hg.) Tassilo III. von Bayern. Großmacht und Ohnmacht im 8. Jahrhundert, Regensburg 2005, S. 211-236.
Erkens, Franz-Reiner: Summus princeps und dux quem rex ordinavit: Tassilo III. im Spannungsfeld von fürstlichem Selbstverständnis und königlichem Auftrag, in: Kolmer, Lothar/Rohr, Christian (Hg.) Tassilo III. von Bayern. Großmacht und Ohnmacht im 8. Jahrhundert, Regensburg 2005, S. 9-20.
Freund, Stephan: Von den Agilolfingern zu den Karolingern. Bayerns Bischöfe zwischen Kirchenorganisation, Reichsintegration und karolingischer Reform (700 – 847), München 2004 (=Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 144).
Garrison, Mary: Letters to a king and biblical exempla: the examples of Cathuulf and Clemens Peregrinus, in: Early Medieval Europa 7 (1998), S. 305-328.
Lohmer, Christian: Mythos Agilolfinger. Das Nachleben der Bayernherzöge in Mittelalter und Neuzeit, in: Kolmer, Lothar/Rohr, Christian (Hg.) Tassilo III. von Bayern. Großmacht und Ohnmacht im 8. Jahrhundert, Regensburg 2005, S. 191-210.
Rosenstock, Eugen: Unser Volksname Deutsch und die Aufhebung des Herzogtums Bayern. In: Siebs, Theodor (Hg.): Mitteilungen der schlesischen Gesellschaft für Volkskunde, Bd. 29, Breslau 1928, S. 1-66.
Störme, Wilhelm: Die bayerische Herzogskirche. Eberhard Weis zu 65. Geburtstag, in: Dickerhof, Harald [u.a.] (Hg.): Der hl. Willibald – Klosterbischof oder Bistumsgründer. Regensburg 1990, S. 115-142 (=Eichstätter Studien. Neue Folge, Band XXX).
Zehrfeld, Klaus: Karl der Große gegen Herzog Tassilo III. von Bayern. Der Prozess vor dem Königsgericht in Ingelheim 788, Regensburg 2011.

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