Die Jungfrau und das Einhorn auf dem Erfurter Einhornaltar

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Auch der Brigitte ist es aufgefallen: Einhörner sind im Trend! Kaum ein Webshop kommt aktuell ohne das gehörnte Pferd aus. Das Angebot reichen dabei von der verspielt-süßer Schwimminsel bis zum ironischen „Death Metal Unicorn“-Shirt – und natürlich geht nichts ohne den geradezu obligatorischen Regenbogen. Je bunter, desto besser.

Dabei reichen die Wurzeln des Einhorn-Mythos viel weiter in die Vergangenheit zurück als das Hashtag #unicorn auf Instagram (mit immerhin über 2,5 Millionen Beiträgen!) vermuten lassen würde. Bereits im Mittelalter gab es eine Vielzahl von bildlichen Darstellungen dieses Fabelwesens.

Das Einhorn im Mittelalter - schon damals ein beliebtes Motiv. (Foto: Rolf Brecher)

Ein besonders herausragendes Werk mittelalterlicher Einhorndarstellungen ist der Erfurter Einhornaltar. Geschaffen von einem namentlich nicht bekannten Künstler zu Beginn des 15. Jahrhunderts, zeigt der dreiflügelige Altar auf seiner Mitteltafel eine prächtige Szene, in deren Mittelpunkt ein goldenes Einhorn steht.

Mitteltafel des Erfurter Einhornaltars, Anfang 15. Jh. (Foto: Rolf Brecher)

Eine erste Groborientierung vorneweg: Das goldene Einhorn sitzt auf dem Schoss einer jungen Frau mit Heiligenschein, der Gottesmutter Maria. Auf Kopfhöhe der zentralen Frauenfigur reihen sich rechts und links insgesamt zehn Heilige auf.

Darunter sitzen auf beiden Seiten Marias jeweils einige Personen im Kreis, die musizieren (links) und singen (rechts). Am linken Rand des Bildes stößt der Erzengel Gabriel in ein goldenes Horn und führt zwei Hunde an der Leine mit sich.

„Meine Schwester, liebe Braut, du bist ein verschlossener Garten …“

Bevor wir uns den dargestellten Personen und Tieren näher zuwenden, werfen wir einen Blick auf die Landschaft, in der sich die Szene abspielt. Es handelt sich um einen blütenreichen Garten, der von einem geflochtenen Holzzaun und einem verschlossenen Tor von der Außenwelt abgegrenzt ist.

Das Bildmotiv des verschlossenen Gartens (lat. Hortus conclusus) ist in der mittelalterlichen Kunst weit verbreitet und geht zurück auf eine Textstelle aus dem Hohelied des Alten Testaments: „Meine Schwester, liebe Braut, du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born.“ (Hld 4,12)

Die mittelalterlichen Theologen stellen im Rahmen ihrer Bibelinterpretationen einen Bezug zur Gottesmutter Maria her: Die Verschlossenheit des Gartens ist ein Symbol für die Jungfräulichkeit und Reinheit Marias

Mitteltafel des Erfurter Einhornaltars, Anfang 15. Jh., Ausschnitt (Foto: Rolf Brecher)

Der Zaun ist nicht die einzige Andeutung auf den Hortus conclusus im Bild: Links neben der verschlossenen Holzpforte findet sich zum Beispiel eine verschlossene Quelle in Form eines kleinen eckigen Brunnens. 

Mitteltafel des Erfurter Einhornaltars, Anfang 15. Jh.,
Ausschnitt (Foto: 
Rolf Brecher)

Die verschiedenen Pflanzen stehen ihrerseits im Bezug zu Maria: Weiße Lilien, dornenlose Rosen und Maiglöckchen sind nur drei Beispiele für eine ganze Reihe von Pflanzen, die auf symbolischer Weise die Keuschheit, Jungfräulichkeit oder Demut Marias verdeutlichen. Doch wie kommt jetzt das Einhorn in den verschlossenen Garten?

Auerochse oder Einhorn?

Die Wurzeln des Glaubens an die Existenz von Einhörnern reichen zurück bis in das 4. Jahrhundert vor Christus. Damals berichtet der griechische Geschichtsschreiber Ktesias von Knidos von Einhörnern, die im Fernen Osten leben sollen: Groß wie ein wilder Esel und mit einem weißen Körper, trage das Einhorn ein einzelnes, langes Horn auf dem purpurroten Kopf. Seine große Schnelligkeit und Stärke machen es nahezu unmöglich, das Tier zu fangen.

Diese Beschreibung des Einhorns ist in der Antike unter Gelehrten bekannt – und sie führt zu einer fatalen Fehlübersetzung der Bibel: Im Alten Testament wird mehrfach das Re’em erwähnt, ein sehr kräftiges zweihörniges Wildtier, wohl ein Auerochse.

Die ungewöhnliche Stärke und Unbezähmbarkeit des Re’em werden bei der Übersetzung ins Griechische und Lateinische jedoch als Merkmale des Einhorns aufgefasst: Aus dem hebräischen Re’em, dem Ochsen, wird so das lateinische unicornis, das Einhorn.

Die Gläubigen in Utrecht waren sehr stolz auf dieses Horn eines Einhorns. In Wahrheit handelt es sich jedoch um dem Stoßzahn eines Narwals. Diese wurden im Mittelalter oft als Einhorn-Hörner verehrt. (Abbildung:Rijksmuseum)

Das Einhorn als Symbol für Christus

Damit hat es das Einhorn in die Bibel geschafft – und kann von den nimmermüden Bibelinterpreten gedeutet werden. Auch vor einigermaßen holprigen Deutungen wird dabei nicht Halt gemacht: Ambrosius von Mailand schließt aus der Gleichsetzung der ähnlich klingenden Wörter unicornis (Einhorn) und unigenitus (einhörnig und eingeboren), dass es sich beim Einhorn um ein Symbol für Christus halten müsse.

Das wirkt ein wenig weit hergeholt, doch mit der Zeit setzt sich diese Deutung des Einhorns durch: Das Einhorn wird zum Symbol für Christus. Eine Zusammenfassung des spätantiken christlichen Wissens über das Einhorn findet sich im Physiologus, einem Werk, in dem eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen beschrieben werden. Dort heißt es vom Einhorn:

„Es ist ein kleines Tier wie ein Böckchen, friedlich ist es und ganz sanft, doch der Jäger kann ihm nicht nahe kommen, weil es gar so stark ist. Ein Horn hat es mitten auf der Stirn. Wie jagt man es nun? Eine reine Jungfrau setzt man ihm in den Weg, und es springt ihr in den Schoss, und sie streichelt das Tier und führt es in den Palast des Königs. Deutung: Das Tier wird auf die Person des Heilands gedeutet. Denn er hat aufgerichtet ein Horn im Hause Davids, unseres Vaters, und ein Horn des Heils ist er uns geworden. Nicht konnten Engel und Mächte sein Herr werden, sondern er nahm Wohnung im Leibe der wahrhaftig reinen Jungfrau Maria.“ (Physiologus, zit. nach Wischnewsky, S. 22)

Mitteltafel des Erfurter Einhornaltars, Anfang 15. Jh., Ausschnitt (Foto: Rolf Brecher)

Die Christus-Symbolik wird hier erweitert durch einen Ratschlag zum Einfangen des Einhorns. Ebenso wie Christus die Jungfrau Maria zu seiner Mutter erwählt, so nimmt das Einhorn nur im Schoss einer Jungfrau Zuflucht. Diese Szene ist auf dem Erfurter Altarbild dargestellt: Das Einhorn ruht im Schoss der Gottesmutter. Damit bleibt allerdings noch zu klären, was der Engel Gabriel mit seiner Lanze in dieser friedlichen Gartenszene eigentlich zu suchen hat.

Häscher und Jäger – das Einhorn in Gefahr

Die Geschichte vom Einhorn und der Jungfrau wird im Laufe des Spätmittelalters weiter ausgestaltet – und es wird blutig! Aus dem friedlichen Einhornfang wird eine Einhornjagd mit anschließender Tötung des Tieres. Es gibt dabei zwei verschiedene Versionen von der Einhornjagd-Geschichte.

Die erste Version berichtet von keiner Jagd im eigentlichen Sinne, sondern von Häschern, die das bei der Jungfrau ruhende Einhorn aus einem Versteck heraus töten. Die Häscher werden dabei oft als Juden bezeichnet, die – in Analogie zur Kreuzigung Jesu – das Einhorn niederstrecken. Die Tötung des Tieres wird so zum Symbol für das Martyrium Christi.

Mitteltafel des Erfurter Einhornaltars, Anfang 15. Jh.,
Ausschnitt (Foto: 
Rolf Brecher)
Das Erfurter Altarbild zeigt die zweite Version: Der Erzengel Gabriel wird – ausgestattet mit Hunden, Lanze und einem goldenen Horn – von Gott als Jäger in den verschlossenen Garten geschickt. Dort bläst er in sein Horn, woraufhin die Hunde das Einhorn in den Schoss der Jungfrau treiben.

Hier verschmelzen zwei Erzähltraditionen: Die Legende vom Einhornfang wird kombiniert mit der Verkündigungsszene, also dem Moment, in dem Maria durch Gabriel erfährt, dass sie den Gottessohn in sich trägt. Im Gegensatz zu den Häschern ist der Engel Gabriel damit als positive Figur zu verstehen, der die Menschwerdung Christi ermöglicht.

Während heute Einhörner vor allem als süße und bunte Phantasiewesen gelten, war das Tier im mittelalterlichen Denken mit starker religiöser Bedeutung aufgeladen. Besonders zur Erklärung und Darstellung der Geburt des Gottessohns durch die Jungfrau Maria eignete sich die Erzählung vom Einhornfang offenbar so gut, dass man sich in Erfurt gezielt für dieses Bildmotiv entschied.

Literatur

Wischnewsky, Jenny: Die Jagd nach dem Einhorn. Zum Sinnbild der Menschwerdung Christi in der Malerei des Mittelalters, in: Theilig, Stephan: Historische Konzeptionen von Körperlichkeit: Interdisziplinäre Zugänge zu Transformationsprozessen in der Geschichte, Berlin 2011, S. 13-36.
Einhorn, Jürgen Werinhard: Spiritalis Unicornis. Das Einhorn als Bedeutungsträger in Literatur und Kunst des Mittelalters, 2. Aufl., München 1998.

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