Das ottonisch-salische Reichskirchensystem - gab es nicht

Das „ottonisch-salische Reichskirchensystem“ findet sich in fast jedem Schulbuch. Meist zusammen mit einem kleinen Schaubild w...

Das „ottonisch-salische Reichskirchensystem“ findet sich in fast jedem Schulbuch. Meist zusammen mit einem kleinen Schaubild wird dazu die These von Leo Santifaller präsentiert: Kaiser Otto der Große habe die Bischöfe seines Reiches gezielt zu den wichtigsten Stützen seiner Herrschaft gemacht. Der Anlass: Die adeligen Herzöge und Grafen seien mit ihren Eigeninteressen einfach keine besonders verlässliche Hilfe mehr für den König. Fortan hätten die Bischöfe durch ihre Bildung und ihr Organisationstalent die königliche Regentschaft gesichert und wären dafür vom Regenten mit Land, Titeln und Herrschaftsrechten belohnt worden. Denn die Verwaltung von Reichsgut durch durch Geistliche hatte einen entscheidenden Vorteil: Auf Grund des Zölibat bekamen (und bekommen) Priester keine erbberechtigten Nachkommen. So ist sichergestellt, dass nie ein Bischof oder Abt auf die Idee kommt, den ihm vom König als Lehen übertragenen Besiz an eines seiner Kinder weiterzuvererben. Doch das ottonisch salische Reichskirchensystem hatte auch Nachteile für die geistliche Führungsschicht, so Leo Santifaller: Denn die Geistlichen hätten mit der Zeit immer mehr an Selbstständigkeit verloren und seien von den ottonischen und salischen Königen wirtschaftlich und administrativ ausgenutzt worden. Erst in den Auseinandersetzungen des Investiturstreits habe dieses eingespielte System dann sein Ende gefunden.

Das ottonisch salische Reichskirchensystem: Otto der Große galt in der Forschung lange als der Schöpfer dieser Reichssystems.
Abbildung aus der Kaiserchronik Heinrichs V. um 1112/14 (Quelle: Wikimedia Commons)

Das klingt durchdacht, strukturiert und auch irgendwie nach ersten Ansätzen von moderner Staatlichkeit. Doch leider macht man es sich damit zu einfach. Ein solches „System“ hat es nie gegeben – die mittelalterliche Realität ist ein bisschen komplexer. Hier sind 7 Gründe, warum das „ottonisch salische Reichskirchensystem“ ein Forschungskonstrukt ist, das so nie existiert hat:


1. Der mittelalterliche Herrscher regiert im Konsens mit seinen Großen

Monarchen des Mittelalters erscheinen in unserer Vorstellung oft als mächtige und freie Herrscher, die ohne Einschränkungen ihre politischen Entscheidungen fällen können – auch gegen den Willen von Volk und Adeligen. Doch ganz so ungebunden war der Kaiser im Mittelalter keinesfalls: Er musste die Wünsche und Hoffnungen der weltlichen und geistlichen Führungsschicht stets respektieren und berücksichtigen – sonst drohte ihm eine Adelsrevolte. Heute spricht man deshalb von „konsensualer Herrschaft“. Das heißt: Kein mittelalterlicher Regent konnte ganz alleine darüber bestimmen, wie er regieren wollte. Dementsprechend unwahrscheinlich ist die These, Kaiser Otto der Große habe einfach beschlossen, ab sofort die Kirche zu seinem wichtigsten Verbündeten zu machen. Die Einbindung der Bistümer, Abteien, Klöster und Kirchen in die Herrschaft war nicht die spontane Entscheidung eines einzelnen Regenten in der Ottonenzeit, sondern ist das Ergebnis eines sehr langen Prozesses.


2. Das "Reichskirchensystem" ist kein klar ausformuliertes politisches Konzept

Um diesen Grund zu verstehen, müssen wir uns erst bewusstmachen, was „System“ eigentlich genau bedeutet: Ein System besteht aus vielen miteinander verbundenen Elementen wobei jedes dieser Elemente einen bestimmten Sinn oder Zweck hat. In unserem Fall sind die Elemente der König sowie die Äbte und Bischöfe, also die geistlichen Großen. Ein Zweck der Kirche ist zum Beispiel die Unterstützung des Monachrchen bei der Eintreibung von Abgaben. Spricht man von „System“, so nimmt man an, dass sich dieser Zweck nicht einfach irgendwie ergeben hat, sondern dass dahinter eine bewusste Anweisung des Königs steckt, ein festes politisches Programm, das er konsequent durchsetzt. Wir wissen bereits, dass die Regenten im Mittelalter solche eigenmächtigen Entscheidungen gar nicht fällen konnten. Außerdem folgten die Regenten im frühen Mittelalter ohnehin keinem festgelegten oder gar ausformuliertem Herrschaftsprogramm: Es gab keine „Regierungserklärungen“, in denen die Grundlinien der Politik formuliert wurden, sondern es wurde meist jeder Einzelfall neu verhandelt. Dementsprechend ist uns natürlich auch kein Dokument überliefert, in dem von einem politischen Konzept Ottos des Großen berichtet wird, ein „Reichskirchensystem“ zu errichten.


3. Der Höhepunkt der Zusammenarbeit von König und Kirche wird erst im 11. Jahrhundert erreicht

Nicht nur der Begriff „System“ ist problematisch: Auch die Bezeichnung als „ottonisch“ muss hinterfragt werden. Der Umgang der Salier und Liudolfinger mit der Kirche war nicht die Folge eines politischen Konzepts Ottos des Großen, sondern entwickelte sich über einen längeren Zeitraum. Erst unter den Nachfolgern Ottos des Großen intensiviert sich die Kooperation von Amtskirche und Herrscher, ihren Höhepunkt erreicht sich sogar erst nach den Ottonen unter dem Salier Heinrich III. Die Bezeichnung „ottonisch-salisches Reichskirchensystem“ erweckt dagegen den falschen Eindruck, ein solches ausdifferenzierte „System“ habe bereits unter Kaiser Otto dem Großen existiert.


4. Der mittelalterliche Regent hatte keine absolut freie Verfügungsgewalt über die Besetzung von Kirchenämtern

Auch bei Personalentscheidungen musste der König bestimmte Wünsche respektieren. Nicht nur die geistlichen Ratgeber des Königs, die Mitglieder der sogenannten Hofkapelle, nahmen Einfluss auf die Entscheidung, wer neuer Bischof in einem Bistum oder neuer Abt eines Reichsklosters werden sollte. Auch enge Verwandte des Herrschers machten sich Hoffnungen auf einen Aufstieg zum Bischof. Auch die Bewohner der Bischofsstadt und lokale Adelige wollten ein Wörtchen mitreden bei der Personalentscheidung über das durchaus lukrative Amte. Die Könige hatten also gar nicht die Chance dazu, eine planvolle und konsequente Personalpolitik zu betreiben, um so durch die Einsetzung loyaler Bischöfe die Reichkirche enger an den Regenten zu binden. Bei vielen Bischofseinsetzung musste wegen den verschiedenen Forderungen und Wünschen ein Kompromiss gefunden werden.


5. Die Bischöfe und Äbte waren alles andere als stets zuverlässige Partner des Königs

Der Begriff „ottonisch-salisches Reichskirchensystem“ erweckt den Eindruck, die Bischöfe und Äbte seien in Konflikten immer treu an der Seite ihres Königs gestanden. Doch dem ist mitnichten so! Wenn es sein musste (weil eigene Besitztümer oder Rechte in Gefahr waren), ergriffen die Geistlichen in Streitigkeiten, die das eigene Kloster bzw. Bistum betrafen, durchaus auch Partei gegen den König. Nur weil ein Bischof oder Abt vom König eingesetzt worden war, bedeutete das nicht automatisch, dass jener den König immer bedingungslos unterstützen musste.


6. Der Umgang der ottonischen und salischen Könige mit der Kirche ist gar nicht so außergewöhnlich

Auch in Frankreich und England spielt die Stimme des Herrschers im 10. und 11. Jahrhundert bei der Einsetzung von Bischöfen eine wichtige Rolle. Politik und Religion sind im Mittelalter ohnehin eng verzahnt. Bei der Thronbesteigung wird der König zum Beispiel meist von einem Bischof gesalbt und der Schutz von Kirchen und Klöstern ist eine der zentralsten Aufgabe aller Herrscher des Mittelalters. Auch in der Tagespolitik spielen Geistliche eine wichtige Rolle: In England, im Westfrankenreich und im Ostfrankenreich fertigen sie für ihre Herrscher Urkunden und Briefe an und bestimmen so die Politik ihrer Zeit aktiv mit.


7. Die zeitgenössischen Quellen erwähnen ein solch komplexes System nicht

Der letzte Grund hat sehr viel damit zu tun, wie Historiker arbeiten. Meist sind Texte die beste Möglichkeit, um Informationen über Ereignisse und Menschen längst vergangener Zeiten zu erhalten. Oft müssen die Historiker eine Vielzahl von Texten auswerten, um Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. So auch bei den Forschungen zum „ottonisch-salische Reichskirchensystem“: Aus einer großen Menge kleiner und kleinster Textausschnitte haben die Historiker das Bild vom komplexen „Reichskirchensystem“ zusammengesetzt. Das Problem: Wir kennen keinen einzigen Text aus der Zeit vor dem Investiturstreit, in dem ein mittelalterlicher Autor über das Verhältnis von König und Reichskirche nachdenkt. Im zeitgenössischen Bewusstsein ist das „Reichskirchensystem“ also offenbar nicht präsent.

Das ottonisch-salische Reichskirchensystem: Literatur

Schieffer, Rudolf: Der geschichtliche Ort der ottonisch-salischen Reichskirchenpolitik. Opladen 1998 (=Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften, Vorträge G 352).
Reuter, Timothy: The “Imperial Church System“ of the Ottonian and Salian Rulers. A Reconsideration, in: Journal of Ecclesiastical History 33 (1982), S. 347-374.
Fleckenstein, Josef: Problematik und Gestalt der ottonisch-salischen Reichskirche. In: Schmid, Karl (Hg.): Reich und Kirche vor dem Investiturstreit. Sigmaringen 1985, S. 83-98.
Santifaller, Leo: Zur Geschichte des ottonisch-salischen Reichskirchensystems. 2. Aufl., Graz/Wien/Köln 1964 (=Österreichische Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse, Sitzungsberichte 229,1), S. 27-43.

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