Karneval, Fasnacht und Fasching im Mittelalter

Düsseldorf, Mainz, Veitshöchheim: In Deutschland gibt es viele Karnevals- und Faschingshochburgen mit ihren oft ganz eigenen alt...

Düsseldorf, Mainz, Veitshöchheim: In Deutschland gibt es viele Karnevals- und Faschingshochburgen mit ihren oft ganz eigenen althergebrachten Traditionen und Geschichten. Viele dieser Karnevalsbräuche reichen sogar bis weit ins Mittelalter zurück. In diesem Blog-Artikel werfe ich einen Blick auf verschiedene mittelalterliche Faschingsbräuche, die zum Teil noch heute gefeiert werden. Außerdem erkunden wir die Ursprünge des Festes und seine soziale und politische Bedeutung in der Gesellschaft des Mittelalters.

Verkehrte Welt: Während der Karnevalszeit galten im Mittelalter die normalen gesellschaftlichen Regeln nicht. (Abbildung: Hieronymus Bosch, Vastenavond, © KIK-IRPA, Brussels, http://balat.kikirpa.be/object/150487)

Die Wurzeln des Karnevals

Der erste schriftliche Beleg (und für solche interessieren sich Historiker ja stets brennend) findet sich in Wolfram von Eschenbachs Artusroman Parzival, der um 1206 entstand. Im achten Buch hat der Artusritter Gawein ein wenig zu forsch eine Königin umworben und muss sich nun – zusammen mit der Angebeteten – vor dem zornigen grauen Ritter in einem Turmzimmer verschanzen. Wenig ritterlich verteidigt sich Gawein hier gegen den wütenden Ritter mit dem Türriegel als Waffe und einem Schachbrett als Schild. Die Königin steht ihm zur Seite indem sie Schachfiguren auf den Feind wirft:

Mittelhochdeutsches Original Neuhochdeutsche Übersetzung
ez wære künec oder roch,
daz warf si gein den vînden doch:
ez was grôz und swære.
man sagt von ir diu mære,
Swen dâ erreichte ir wurfes swanc,
der strûchte âne sînen danc.
diu küneginne rîche
streit dâ ritterlîche,
bî Gâwân si werlîche schein,
daz diu koufwîp ze Tolenstein
an der vasnaht nie baz gestriten:

wan si tuontz von gampelsiten
unde müent ân nôt ir lîp
Ob König oder Thurm es war,
Sie warf es in der Feinde Schar.
Die Bilder [=Schachfiguren] waren groß und schwer;
Wohl zu denken ists daher,
Wen ihres Wurfes Schwang getroffen,
Der stürzte wider sein Verhoffen.
Wohl stritt die reiche Königin
Bei Gawanen da so kühn,

Sie warf so ritterlich darein,
Daß die Kauffraun nie zu Tollenstein
Zu Fassnacht tapfrer stritten.

Sie thuns nach Narrensitten
Und ermüden ohne Noth den Leib.
Wolfram von Eschenbach: Parzival. Hg. von Karl Lachmann, 5. Aufl., Berlin 1891, v. 408,29-409,11. Wolfram von Eschenbach, Parzival und Titurel. Übersetzt und erläutert von Karl Simrock, 6. Durchgesehende Aufl., Stuttgart 1883, v. 408,29-409,11.

Leider verrät uns Wolfram von Eschenbach nicht mehr Details über die grotesken Sitten der Frauen von Dollnstein. In der Forschung wird dieser Vergleich jedoch als Anspielung auf ein Fest gedeutet, bei dem Frauen in einem spielerischen Kampf die sogenannte Minneburg verteidigen. Wolframs Leser kannten dieses Fest ganz offenbar und verstanden den Vergleich deshalb. In der Marktgemeinde Dollnstein kann man deshalb heute sehr stolz behaupten, die „Wiege des deutschen Karnevals“ zu sein.


Karneval als Fest vor der Fastenzeit

Auch der Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach (gest. nach 1240) berichtet in seinem Dialogus Miraculorum von einem feucht-fröhlichen Fest von Mönchen aus der Gegend von Prüm in der Nacht vor Aschermittwoch. Zwar nennt er den Namen des Festes nicht, doch ist davon auszugehen, dass solche Karnevalsfeste schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts in verschiedenen Regionen Mitteleuropas eine feste Tradition waren.

Der Bericht des Caesarius von Heisterbach rückt den Karneval in eine direkte Beziehung zur Fastenzeit. An den närrischen Tagen zwischen Dreikönigstag und Aschermittwoch wurde ein letztes Mal geschlemmt und getrunken bevor dann 40 Tage lang nur karge Kost auf der Speisekarte stand - auch wenn es natürlich durchaus Wege und Möglichkeiten gab, auch in der Fastenzeit reichhaltig und festlich zu essen. Die lateinischen Wurzeln des Wortes Karneval unterstreichen jedenfalls die Beziehung zur Fastenzeit: „carne vale“ bedeutet so viel wie „Fleisch, lebe wohl!“.

Die Karnevals- und Faschingsfeste fanden damit zwar alle in derselben Woche vor der Fastenzeit statt – doch die einzelnen Traditionen und Bräuche unterschieden sich bereits im Mittelalter stark je nach Region.


Der Nürnberger Schembartlauf

Die Nürnberger feierten zum Beispiel ab der Mitte des 15. Jahrhunderts den sogenannten Schembartlauf, der für 1449 erstmals schriftlich belegt ist. Der Begriff leitet sich vom mittelhochdeutschen Wort scheme (Schatten, Maske) ab und bedeutet wohl so viel wie „bärtige Maske“.

Der Sage nach entstand der Schembartlauf nach einem Handwerkeraufstand in dessen Verlauf die Nürnberger Metzger besonders treu zum Nürnberger Rat gestanden haben sollen. Als Belohnung erhielten sie dann die Erlaubnis, an Fastnacht einen Tanz mit Gesichtsmasken aufzuführen so wie er auf dieser zeitgenössischen Darstellung abgebildet ist. Die Teilnehmer des Schembartlaufs sollten wohl ursprünglich lediglich als eine Art Security den Metzgertanz begleiten.

Die tanzenden Metzger werden von maskierten Schembartläufern begleitet. (Abbildung: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Handschrift Merkel 271 Die weil dieses Hievorbemeltes Schempart Buch', fol. 64v/65r via Wikimedia Commons).

Doch mit der Zeit verselbständigten sich die Schembartläufer: Sie zogen schließlich immer provokanter durch Nürnberg und verspotteten die Bürger in anzüglichen und perversen Strophen. Waren die Teilnehmer zu Beginn nur Metzer, erkauften sich mit der Zeit auch junge Patrizier das Recht zur Teilnahme.

Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Handschrift Merkel 271 Die weil dieses Hievorbemeltes Schempart Buch', fol. 133v.

Dank den reich bebilderten Schembartbüchern wissen wir sehr gut darüber Bescheid, wie sich die Nürnberger Schembartläufe der Jahre 1449 bis 1539 entwickelten: Mit den Jahren wurden die Kostüme immer ausgefallener, irgendwann zogen die Läufer dann sogar ein Gefährt auf Schlittenkufen durch die Stadt. Die Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen wurde gleichzeitig immer lauter und schärfer.

Eine Hölle in Form eines Drachen. (Abbildung: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Handschrift Merkel 271 Die weil dieses Hievorbemeltes Schempart Buch', fol. 121r).

Im Jahr 1539 wurde es der Obrigkeit dann zu bunt: Die Schembartläufer hatten den Nürnberger Prediger Andreas Osiander verspottet – es kam zum Verbot des Laufes! Seit 1974 erlebt der Schembartlauf eine Wiederauferstehung. Heute wird die mittelalterliche Tradition wieder in unregelmäßigen Abständen aufgeführt.


Karneval im Mittelalter: Die Herrschaft der Masken

Masken spielten in vielen Regionen im Mittelalter eine wichtige Rolle im Karneval. Die Masken übernahmen in einigen großen Städten sogar die Magistratsgewalt von den Stadtherren und erhielten den Schlüssel zum Rathaus. Außerdem besaßen die maskierten Narren das sogenannte Rügerecht. Das berechtigte sie dazu, die Missstände innerhalb einer Gemeinde auf lustige und sarkastische Art und Weise öffentlich anzuprangern.

Während an manchen Orten im Karneval Narrengerichte urteilten, gab es andernorts sogenannte Narrenbücher, in denen das ganze Jahr über peinliche Missgeschicke und unsoziales Verhalten der Gemeindemitglieder festgehalten wurden. An Karneval verlasen die Narren dann die gesammelten Verfehlungen – zur Freude aller Anwesenden und zum Spott des Bloßgestellten. Dieser Brauch wurde in Villingen als „Strählen“ praktiziert, in Rottweil als „Aufsagen“ und in Basel trug man dafür ein „Schnitzelbank“ vor. Noch heute gibt es in der Schweiz aktive Schnitzelbänkler.

Ein tanzender Narr am Rand einer englischen Handschrift.(British Library, Sloane 335, f. 5v, entstanden Anfang 15. Jh.

Sogar Strafen durften die Narren verhängen. Vor allem in süddeutschen und schweizerischen Gegenden zelebrierte man den Brauch des Wassertauchens: Dabei warfen Narren ihre Mitbürger in einen Brunnen oder Bach. Wer nicht mitfeierte oder mittrank und auch ansonsten keinen Beitrag zum Fest leisten wollte, landete kurzerhand im Wasser.

Die städtischen Magistrate waren nicht überall besonders begeistert von diesem Brauch. In Basel wurde zum Beispiel 1431 den Handwerksknechten verboten „an der Eschermittwochen mit einander ze trengen [drängen, nötigen], ze zehren und in die Brunnen zu werffen.“ In Bern verfügte der Rat im Jahr 1480: „Dass fürohin sölte abgestelt sin das werfen der junkfrouwen in die bäch, der mezger unsinnige umloufen, und all tänz in der ganzen vasten.“

Das Stockacher Narrengericht tagt noch heute jedes Jahr in der Tradition der mittelalterlichen Narrengerichte - im Wasser landet mittlerweile aber niemand mehr. Die wichtigste Figur in Stockach ist der Hofnarr Kuony von Stocken des Herzogs Leopold I von Habsburg, der seinem Herrn im November 1315 vor der Schlacht am Morgarten einen weisen Rat gegeben und dafür ein Privileg vom Herzog erhalten haben soll.

Fasnachtstanz in der Schweiz: Musikanten spielen Horn und Hackbrett für eine Gesellschaft vornehmer Paare. (Abbildung: Luzern, Korporation Luzern, S 23 fol., p. 523 – Eidgenössische Chronik des Luzerners Diebold Schilling (Luzerner Schilling).

Die Narren übernehmen an Fasching die Kirchen

Durch das Rügerecht der Narren und die Narrengerichte wurde im Karneval die natürliche Ordnung für eine begrenzte Zeit auf den Kopf gestellt. Ein weiterer Ausdruck dieser „verkehrten Welt“ in der Karnevalszeit waren die sogenannten Narrenmessen.

In diesen Messparodien wurde der Text der heiligen Messe so verfremdet und umgeformt, dass er fast nur noch aus Anzüglichkeiten und zotigen Witzen bestand. Erste Hinweise auf solche Narrenmessen gibt es bereits im 13. Jahrhundert, im Spätmittelalter verbreitete sich der Brauch dann rasant.

Ein weiteres zentrales Element der Narrenmessen war der Rollentausch: Die niederen kirchlichen Ränge erhoben sich selbst in den Rang von Bischöfen und Priestern. Gleichzeitig übten die Kirchenmitglieder in den Narrenmessen scharfe Kritik an den bestehenden Verhältnissen in Kloster und Kirche.

An Karneval ging es im Mittelalter drunter und drüber - oft wurde es obszön und grotesk! (Abbildung: British Library, Sloane 748, f. 82v, entstanden 1487.

Eine besondere Form der Narrenmessen waren die Eselsmessen. Dabei wurden reguläre Messfeiern parodiert indem Gesänge mit erotisch-zweideutigem Inhalt angestimmt wurden. Außerdem trugen viele Teilnehmer Tierkostüme. In einem besonders beliebten Lied in diesen Eselsmessen wurde der Esel besungen, der dem Propheten Bileam im Alten Testament als Reittier diente.

Der Esel bot sich für solche Messen gleich aus zwei Gründen an: Zum einen tauchen Esel in vielen christlichen Legenden auf, etwa bei der Geburt Christi, als Reittier Marias auf der Flucht nach Ägypten oder als Reittier Jesu beim Einzug in Jerusalem. Zum anderen galt der Esel als Symbol für Fruchtbarkeit und sexuelle Potenz. Es ist sogar gut möglich, dass sich die Eselsmessen aus einem eigentlich fromm gemeinten Eselsfest entwickelten, mit dem alljährlich am 14. Januar an die Flucht nach Ägypten erinnert wurde.


Die gesellschaftliche Bedeutung des Faschings im Mittelalter

Egal ob Eselsmesse oder Narrenmesse: Die Feste hatten stets auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Denn sie dienten als eine Art Ventil, also als Möglichkeit, um den sonst so strengen Regeln des klösterlichen oder kirchlichen Lebens für eine begrenzte Zeit zu entfliehen. Wenigstens für einen Tag wurden schließlich die hohen Herren ihrer Macht beraubt.

Der russische Literaturwissenschaftlich Michail Bachtin hat in seinem sehr klugen Werk „Rabelais und seine Welt“ die Funktion des Karnevals beschrieben als ein subversives, anti-hierarchisches Prinzip, das die Machtverhältnisse umdreht und dennoch ein von der Obrigkeit geduldeter Tabubruch war, der die bestehenden Strukturen langfristig stützte.

Denn obwohl zum Beispiel die Narrengerichte die Ordnung kurzfristig auf den Kopf stellten, sanktionierten und bestraften sie gleichzeitig anti-soziales Verhalten von Gemeindemitgliedern - wodurch sie letzten Endes wiederum gesellschaftliche Normen und Regeln durchsetzten.


Literatur und Links zu Karneval, Fasnacht und Fasching im Mittelalter

Domenig, Christian: Fasching – Fastnacht – Karneval. Zur Etymologie der Namen und zum Zeitraum des Narrenfestes, in: Grabmayer, Johannes (Hg.): Das Königreich der Narren. Fasching im Mittelalter, Klagenfurt 2009, S. 21-37 (=Schriftenreihe der Akademie Friesach, Neue Folge 1).
Bachtin, Michail: Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkultur. Frankfurt am Main 1995, S. 124-133.

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