Wann endete das Mittelalter?

Ritter gehören selbstverständlich zum Mittelalter. Doch wann endete die Zeit der berittenen Krieger? (Abbildung: British Library, ...

Ritter gehören selbstverständlich zum Mittelalter. Doch wann endete die Zeit der berittenen Krieger? (Abbildung: British Library, Harley 4379, f.43.)

Allgemein wird die Zeit von 500 bis 1500 als "Mittelalter" bezeichnet. Davor die Antike, danach die Frühe Neuzeit - eigentlich ganz simpel. Doch ganz so klar ist die Sache nicht. Denn es gibt kein eindeutiges Datum, an dem das Mittelalter endete und die Frühe Neuzeit begann. Epochengrenzen sind eben einfach nachträglich festgelegte Einschnitte, deren Ausmaß von den damals lebenden Menschen kaum eingeschätzt werden konnte. Wir wagen trotzdem den Versuch: Das sind 10 Daten, die das Ende des Mittelalters markieren können.

1452: Lorenzo Ghiberti vollendet die Paradiestüre für das Baptisterium in Florenz

Ein Meisterwerk: Die Paradiestüren des Lorenzo Ghiberti (Abbildung: Wikimedia Commons, Joanbanjo)
Unglaubliche 27 Jahre arbeitet der Bildhauer Lorenzo Ghiberti (1378–1455) an seinem Meisterwerk, der sogenannten „Paradiestüre“ für das Baptisterium in Florenz. Ghiberti schafft ein geniales Glanzstück der mittelalterlichen Kunst, das gleichzeitig den Beginn einer neuen Epoche markiert: der Renaissance.

Denn Lorenzo Ghiberti nutzt nicht die alten Formen der Gotik, die damals der vorherrschende Stil in der Kunst ist. Seit Jahrhunderten erschaffen Baumeister gigantische Kathedralen mit Kreuzrippengewölben und Spitzbögen, deren Wände sich dank der feinen und leichten Bauweise fast auflösen.

Bibelszenen auf der Paradiestüre (Abbildung: Wikimedia Commons, Leandro Neumann Ciuffo)

Lorenzo Ghiberti sucht neue Impulse: Er studiert die antiken Skulpturen, die er in Florenz vorfindet. Was er sieht, nimmt er in seine eigenen Kunstwerke auf. Für die „Paradiestüre“ nutzt er erstmals die Zentralperspektive und kann so Gegenstände in nie gekannter Tiefe und Natürlichkeit darstellen. Eine Revolution der Kunst!

Noch die besten Künstler des 16. Jahrhundert wie Raffael und Michelangelo studieren Ghibertis radikal neue Kompositionen. Mit Lorenzo Ghiberti halten die Ideale der Renaissance Einzug in die Kunst. Auch das Denken der Menschen ändert sich: Jetzt steht erstmals das Individuum im Zentrum der Wahrnehmung. Mit der „Entdeckung der Welt und des Menschen“ endet deshalb für den Historiker Jacob Burckhardt das Mittelalter und beginnt die Neuzeit.

1453: Die Eroberung Konstantinopels durch die Türken

Die Belagerung von Konstantinopel aus einer zeitgenössischen französischen Miniatur von Jean Chartier.(Abbildung: Bibliothèque nationale de France Manuscript Français 2691 folio CCXLVI v, via Wikimedia Commons)

Als am 29. Mai 1453 nach zweimonatiger Belagerung Konstantinopel dem Druck der Türken unter ihrem Anführer Mehmed II. nachgeben muss, endet die über tausendjährige Geschichte des Byzantinischen Reiches. Es war hervorgegangen aus der östlichen Hälfte des römischen Weltreichs und hatte über Jahrhunderte die Politik im Mittelmeerraum maßgeblich mitbestimmt.

Der politische Zusammenbruch des Byzantinischen Reiches sorgt für einen Exodus griechischer Gelehrten nach Italien. Im Gepäck haben sie im Westen bisher unbekannte Werke antiker griechischer Autoren, auf die sich die italienischen Humanisten begierig stürzen. Die Lektüre dieser Texte ist – ebenso wie Lorenzo Ghibertis Studium der antiken Statuen – eine Basis der Renaissance.

Auch für Wirtschaft und Handel ändert sich mit der Eroberung Konstantinopels einiges: Die Türken kontrollieren nun wichtige Handelsrouten. In Westeuropa sind ab 1453 die begehrten Luxusgüter des Ostens wie Gewürze und Seide deutlich schwere zu beschaffen. Die Folge: Europäische Seefahrer begeben sich auf die Suche nach neuen Handelsrouten. Das führt unter anderem zur Entdeckung des Seewegs nach Indien durch Vasco da Gama im Jahr 1498. Das Zeitalter der europäischen Expansion beginnt.

Die Expansion der Türken endet nicht mit der Eroberung von Konstantinopel. In den folgenden Jahrhundert dringen die Türken immer weiter auf den Balkan vor. Die sogenannte „Türkengefahr“ bleibt für viele Jahrhunderte ein beherrschendes Thema in der europäischen Politik.


1454: Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern

Bewegliche Lettern - eine der größten Erfindungen aller Zeiten.


Es ist mit Sicherheit eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte: Der Buchdruck mit beweglichen Lettern, entwickelt vom Mainzer Kaufmannssohn Johannes Gutenberg. Der revolutionäre Clou: Jede Letter zeigt an der Oberseite das Relief eines Schriftzeichen, einer Zahl oder eines Satzzeichen. So können die Wörter, Sätze und Seiten eines Buches ganz einfach und schnell aus einzelnen wiederverwendbaren Lettern zusammengesetzt werden.

Dank der Gutenberg'schen Erfindung konnten Texte viel schneller und in größeren Stückzahlen als jemals zuvor produziert werden. Davor musste man Bücher nämlich mühsam per Hand abschreiben - das war anstrengend und dauerte ewig! Außerdem waren solche Handschriften natürlich extrem teuer.

Der Buchdruck mit beweglichen Lettern trug dazu bei, dass sich neue politische und religiöse Ideen von nun an rasant verbreiten können. Davon profitieren vor allem die Kirchenreformer wie Martin Luther und Johannes Calvin. Auch ihre Ideen läuteten das Ende des Mittelalters ein. Ohne den Buchdruck mit beweglichen Lettern und der daraus resultierenden Medienrevolution wäre die Reformation kaum vorstellbar.


Die von Johannes Gutenberg gedruckte Bibel - dank beweglicher Lettern! (Abbildung: Wikimedia Commons, NYC Wanderer (Kevin Eng))
Über den Erfinder Johannes Gutenberg selbst wissen wir leider nur sehr wenig. Quellen zu seinem Leben gibt es fast keine, selbst sein Geburtsjahr ist unbekannt. Sicher ist, dass Johannes Gutenberg um 1400 in Mainz geboren wurde, dann einige Jahre in Straßburg verbrachte und schließlich nach Mainz zurückkehrte. Dort entsteht auch zwischen 1452 und 1454 sein Meisterwerk als Drucker: Die Gutenberg-Bibel! Im Kulturportal bavarikon könnt ihr selbst einen Blick in das Buch werfen.

Eine neue Technik bedeutet aber nicht auch, dass damit neues Wissen verbreitet wird. Die Schedel'sche Weltchronik zum Beispiel wurde mit beweglichen Lettern gedruckt - dennoch ist sie eine Sammlung von traditionellem mittelalterlichem Wissen und kein Werk mit neuen Informationen.

1492: Die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus

So stellte sich Mitte des 18. Jahrhunderts der US-amerikanische Künstler John Vanderlyn (1775-1852) die Landung von Christoph Columbus auf San Salvador vor. (Abbildung: Wikimedia Commons)

Eigentlich wollte Christoph Kolumbus im Auftrag des portugiesischen Königspaars im Westen ja den Seeweg nach Indien finden. Doch als er am 12. Oktober 1492 an Land ging, betrat er einen in Europa bisher unbekannten Kontinent: Amerika! Doch das wusste Kolumbus nicht: Er wähnte sich in Asien - und am Ziel seiner Träume.

Nach seiner Rückkehr nach Portugal macht Kolumbus dem portugiesischen Königspaar verlockende Versprechungen: Er könne Portugal mit Unmengen an Gold und Sklaven versorgen. Insgesamt vier Mal segelte Christoph Kolumbus gen Westen. Viele spanische und portugiesische Seefahrer sollten ihm in den nächsten Jahren folgen. Stets getrieben von der Gier nach Reichtum und Land.

So gelangte großer Reichtum nach Europa, das zum politischen und wirtschaftlichen Zentrum der Welt wurde. Ganz neue Handelsrouten öffneten sich und neue Produkte erreichten die europäischen Haushalte. Für die Bewohner der mittelamerikanischen Inseln brachte die Ankunft der Europäer dagegen kaum Gutes: Sie wurden ausgebeutet, versklavt und getötet.

Mit der Entdeckung der Neuen Welt wurde Europa gleichzeitig zur Alten Welt. Und vor allem das christliche Weltbild geriet unter Druck: Denn in der Bibel wurde der Kontinent im Westen nie erwähnt. Die Gelehrten waren verunsichert: Was war sonst noch ein Teil der göttlichen Schöpfung ohne in der Bibel erwähnt zu werden?

1494: Der Einfall König Karls VIII. von Frankreich in Italien

So stellte sich im 19. Jahrhundert der französische Historienmaler Éloi Firmin Féron den Einzug König Karls VIII. von Frankreich in Neapel vor. (Abbildung: Éloi Firmin Féron, L'Entrée de Charles VIII à Naples, 12 mai 1495, 1837, Wikimedia Commons, Giogo)

Der französische König Karl VIII. war ein ziemlich schmächtiges Kind. Doch als sein Vater, König Ludwig XI., im Jahr 1483 nach einem Schlaganfall starb, muss Karl wohl oder übel den Thron besteigen - mit gerade einmal 13 Jahren!

Zunächst herrscht ein Regierungsrat, in dem Karls Schwester Anne das Wort führte, für den unmündigen jungen König. Doch im Jahr 1489 schlug dann schließlich Karls große Stunde: Papst Innozenz VIII. lag im Streit mit König Ferdinand I. von Neapel und wollte den neapolitanischen König gerne loswerden.

Mit wenig Mühe fand der Papst einen juristischen Grund, weshalb König Karl VIII. einen Anspruch auf die Herrschaft über Neapel hatte: Karl von Anjou, ein Vorfahr Karls VIII., hatte Neapel 1265/66 erobert - jetzt hatte sein Nachfahre ebenfalls einen Anspruch auf das Königreich Neapel!

König Karl VIII. sicherte sich durch Verträge mit seinen Nachbarn König Heinrich VII. von England, dem Habsburger Kaiser Maximilian I. und König Ferdinand II. von Aragón ab und zog 1494 mit einem Heer gen Süden. Dort zog er mit Leichtigkeit quer durch Italien bis nach Neapel, das er am 22. Februar 1495 einnahm.

Doch die italienischen und europäischen Mächte reagieren schnell auf den (in ihren Augen viel zu erfolgreichen) Eindringling: Sie schlossen unter Führung von Papst Alexander VI. die Heilige Liga von Venedig. Mitglieder waren neben Mailand und Venedig auch Ferdinand II. von Aragón und Kaiser Maximilian I. Gemeinsam besiegten sie König Karl VIII. von Frankreich in der Schlacht bei Fornovo, der so seine Eroberungen wieder komplett verliert.

Zwar muss sich Karl VIII. nach der Niederlage nach Frankreich zurückziehen, doch sein Neapelzug von 1494 markierte den Beginn der Italienischen Kriege. Bis 1559 kämpften sämtliche großen europäischen Staaten und auch das Osmanische Reich in wechselnden Bündnissen auf dem Kriegsschauplatz Italien um die Vorherrschaft. Der zentrale Konflikt war dabei die Auseinandersetzung zwischen dem französischen Königshaus Valois und den Habsburgern.

Der Einfall König Karls VIII. war der Beginn dieses Kampfes der Mächte um den Vorrang in Europa und markierte damit den Beginn einer neuen Epoche in der politischen Geschichte Europas.

1495: Der Wormser Reichstag

Das Reichskammergericht war eine der erfolgreichsten und langlebigsten Neuerungen des Wormser Reichstages. Bis zum Ende des Alten Reiches im Jahr 1806 wurde hier Recht gesprochen.
(Abbildung: Yale Law Library via Wikimedia Commons)

Auch die Verfassungsgeschichte bietet ein mögliches Datum für das Ende des Mittelalters, nämlich den Reichstag zu Worms, der in der ersten Jahreshälfte 1495 stattfand. Hier verhandelte Kaiser zusammen mit fünf (von insgesamt sieben) Kurfürsten, vielen geistlichen und weltlichen Fürsten sowie Grafen, freien Herren und Reichsstädten über die zukünftige Verfassung des Reiches.

Der Wormser Reichstag war Teil der sogenannten Reichsreform. So bezeichnet man die Bemühungen um die Anpassung der Verfassung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation an die sich geänderten Bedingungen der Frühmoderne. Zu den richtungsweisenden Reformen von Worms zählten:

1. Der Landfriede

Mit dem Ewigen Landfrieden von 1495 wurde dem mittelalterlichen Fehderecht endgültig ein Verbot erteilt. Statt wie bisher in privaten militärischen Auseinandersetzungen nach dem Fehderecht sollten Streitigkeiten nun auf dem Rechtsweg geregelt werden. Zwar dauerte es noch einige Jahre, bis sich dieser Ansatz durchsetzte, doch liegen hier die Wurzeln des heutigen staatlichen Gewaltmonopols.

Die Idee eines Landfriedens war freilich deutlich älter: Bereits im 12. Jahrhundert gab es Bemühungen von Bischöfen, die Gewalt in Form von sogenannten Gottesfrieden zu begrenzen. Der Landfriede von 1495 baute auf dieser langen Tradition der Gottes- und Landfriedenbewegung auf

2. Das Kammergericht

Mit dem Reichskammergericht wurde auf dem Wormser Hoftag ein neues oberstes Gericht für das Heilige Römisch Reich geschaffen. Hier sollten Streitigkeiten, die bisher per Fehde geklärt wurden, auf gerichtlichem Wege entschieden werden.

Untertanen konnten sich auch an das Reichskammergericht wenden, wenn sie ein Urteil aus der ersten Instanz überprüft haben wollten. Durch eine Appellation an das Kammergericht konnten sich Untertanen so gegen eine ungerechte Behandlung durch ihren Landesherren zur Wehr setzen.

Zunächst in Frankfurt am Main ansäßig, tagte das Reichskammergericht ab 1689 bis zum Ende des Alten Reiches in Wetzlar. Hier war auch einer der berühmtesten Praktikanten der deutschen Geschichte tätig: Zwischen Mai und September 1772 leistete Johann Wolfgang Goethe hier ein Praktikum ab.

3. Der Gemeine Pfennig

Mit dem Gemeinen Pfennig wollte Kaiser Maximilian I. eine allgemeine Reichssteuer einführen, die von jedem volljährigen Untertanen im Reich gezahlt werden sollte. Das Steuerkonzept sah vor, dass jeder entsprechend seines Rangs und Vermögens eine entsprechende Steuerlast zu tragen hatte.

Den Gemeinen Pfennig tatsächlich auch einzutreiben war jedoch ohne eine effektive Steuerverwaltung kaum möglich und scheiterte deshalb bald wieder. Trotzdem bedeutete der Versuch, eine allgemeine Steuer einzutreiben, eine neue Entwicklung am Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit.

4. Der Reichstag als Institution

Auch die Institution des Reichstags selbst entstand erst mit der Versammlung in Worms. Davor spricht man eher von Hoftagen, wenn sich der Herrscher und die wichtigsten Fürsten versammelten. In den nächsten Jahren verfestigte sich in der Führungsschicht des Reiches immer mehr der Gedanke, auf einer gemeinsamen Versammlung die drängendsten politischen Fragen zu verhandeln. Die Institution des Reichstages trug so selbst wesentlich dazu bei, die Staatsbildung zu fördern.

1508: Maximilian I. verzichtet auf die Kaiserkrönung in Rom durch den Papst

Maximilian I. nahm am 4. Februar 1508 den Titel eines "Erwählten Römischen Kaisers" an - jedoch in Trient und nicht in Rom. (Abbildung: Albrecht Dürer, Kaiser Maximilian I., 1519, ©KHM-Museumsverband)

Wie viele mittelalterliche Könige vor ihm hatte auch Maximilian I. ein großes Ziel: Er wollte sich in Rom vom Papst zum Kaiser krönen lassen. Weil aber der Weg nach Rom durch Venezianer und Franzosen versperrt war, musste Maximilian I. seinen Romzug in Norditalien abbrechen. In Trient ließ er sich daraufhin kurzerhand durch den Bischof von Gurk als „Erwählter Römischer Kaiser“ ausrufen. Eine Krönung durch den Papst in Rom wollte Maximilian zwar nachholen, doch dazu kam es nie.

Seit der Erhebung des Frankenkönigs Karl zum Kaiser durch Papst Leo III. am Weihnachtstag 800 wurden die römisch-deutschen Kaiser eigentlich traditionell in Rom durch den Papst gekrönt. Auch Maximilians Vorgänger, Kaiser Friedrich III. gelangte auf diesem Weg zur Kaiserwürde: Am 19. März 1452 krönte ihn Papst Nikolaus V. zum Kaiser. Es war die letzte Kaisererhebung in Rom. Mit seiner Ausrufung zum Kaiser in Trient brach Maximilian mit der seit Karl dem Großen bestehenden Tradition.

Der Nachfolger Kaiser Maximilians I., der habsburgische König Karl V. nannte sich schon ab dem Zeitpunkt seiner Königskrönung auch „erwählter“ Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Eine Krönung durch den Papst holte er trotzdem 1530 in Bologna noch nach. Clemens VII. ist der letzte Papst, der an einer Kaisererhebung beteiligt war. Von nun an nahmen die Nachfolger Karls V. gleich nach ihrer Königskrönung in Frankfurt am Main auch den Kaisertitel an.

Trotz dieses Bruchs mit der Tradition: Die Kaiserwürde blieb bis 1806 die wichtigste Institution im Reich. Dennoch bedeutete die Loslösung des Kaisertums vom Papst einen wichtigen Einschnitt an der Grenze von Mittelalter und Früher Neuzeit.

1517: Der Thesenanschlag Martin Luthers

(Abbildung: British Museum, Anonyme Darstellung des Thesenanschlags aus Leipzig, 1617

Es gibt wohl keine andere Persönlichkeit, die so eng mit dem Ende des Mittelalters verbunden wird wie Martin Luther. Weil er als Augustiner-Eremit und Theologieprofessor unzufrieden mit den Missständen in der Kirche war, entwickelte er eine Reihe von Reformvorschlägen.

Um gemeinsam mit anderen Theologen und Geistlichen über seine Thesen zur Reform der Kirche zu diskutieren, veröffentlichte Luther seine Vorschläge. Am 31. Oktober 1517 soll Luther seine 95 Thesen zum Fegefeuer und dem Ablasshandel an die Türe der Schlosskirche in Wittenberg geschlagen haben.

Luthers Reformthesen erregten sofort enorme Aufmerksamkeit. Viele Menschen waren unzufrieden mit den Missständen in der Kirche, besonders mit dem Ablasshandel. Luthers Thesen fielen also auf einen fruchtbaren Boden. Doch statt zu einer Reform der Kirche kam es in der Folgezeit zur Kirchenspaltung.

Damit gab es plötzlich mehrere christliche Konfessionen, die alle für sich beanspruchten, im Besitz der alleinigen göttlichen Wahrheit zu sein. Eine solche Glaubensspaltung innerhalb der europäischen Christenheit hatte es bisher nicht gegeben - es begann das Zeitalter des Konfessionalismus.

Die Menschen mussten sich mit ganz neuen Problemen auseinandersetzen: War eine Taufe tatsächlich gültig? Welche Konfession sicherte den Zugang zum Seelenheil? Wie sollten die Anhänger verschiedener Konfessionen innerhalb eines Landes oder einer Stadt in Zukunft zusammenleben?

Auch politisch entstanden neue Frontlinien entlang der Konfessionen, die oft in militärischen Auseinandersetzungen endeten. Die Lösung dieser Konflikte innerhalb des Reiches führte unter anderem zum Augsburger Religionsfrieden von 1555, der das Heilige Römisch Reich zu einem bikonfessionellen Reich machte, in dem ein Landesherr entscheiden konnte, welcher Konfession seine Untertanen angehören sollten.

1525: Der Deutsche Bauernkrieg

Diese Karte zeigt die Ereignisse des Deutschen Bauernkrieges in den Jahren 1523-1525.
(Abbildung: Wikimedia Commons, Sansculotte)

Am Beginn des 16. Jahrhunderts wollten viele Territorialfürsten ihre Staaten straffer organisieren. Dabei waren ihnen besonders die Bauern ein Dorn im Auge: Denn bisher lebten freie Bauern oft in einer Dorfgemeinschaft mit Hörigen und Leibeigenen. Streitfälle wurden nach Gewohnheitsrecht geklärt. Dichtere staatliche Strukturen brachten neue Frondienste und Fürstengerichte mit sich – dem wollten viele Bauern sich widersetzen.

Die Thesen Martin Luthers trafen ebenfalls den Nerv der einfachen Bevölkerung. Denn sie passten gut zur Forderung nach einem Ende der Missstände in Kirche und Staat. So waren die Grundlagen gelegt für die "Revolution des gemeinen Mannes" (Peter Blickle).

Ihre Forderungen hielten die aufständischen Bauern im März 1525 schriftlich fest. Unter anderem forderten sie die Reduzierung der Leibeigenschaft und der Abgaben, zusätzliche Einschränkungen bei der Fronarbeit und die freie Wahl ihrer Pfarrer. Die ersten militärischen Auseinandersetzungen zwischen Bauern und der Obrigkeit gab es im Lauf des Jahres 1524. Zunächst in Bamberg, dann im Schwarzwald und schließlich im ganzen Südwesten.

Die marxistische Geschichtswissenschaft erkannte im Bauernaufstand eine erst anti-feudalistische Revolution und konstruierte eine direkte Linie von den aufständischen Bauern zum erhofften Sieg des Sozialismus in der Moderne. Auch wenn man dieser geschichtswissenschaftlichen Interpretation nicht unbedingt folgen muss, so gilt der Bauernaufstand dennoch als ein erster großer Protest gegen die Feudalordnung und den sich etablierenden Territorialstaat und ist damit Zeichen einer neuen Zeit.

Allerdings: Der Aufstand der Bauern endet mit ihrer Niederlage. Denn immer wieder erleiden die Aufständischen schwere Niederlagen und spätestens im Sommer 1526 wurde der Aufstand von der Obrigkeit endgültig niedergeschlagen. Gegen die gut ausgebildeten und schwer bewaffneten Ritter und Landsknechte hatten die Bauern einfach kaum eine Chance.

Die Landesfürsten gingen deshalb als die großen Sieger aus dem Bauernaufstand hervor – schließlich hatten sie ohne Unterstützung durch Kaiser und Reich die Ordnung wiederhergestellt. So konnten sie ihre Position in ihren jeweiligen Territorien deutlich stärken.

Die Bauernbefreiung wurde erst im 19. Jahrhundert komplett vollzogen – und selbst da war es noch ein sehr langer und schwieriger Prozess, der sich über viele kleine Etappen hinzog. So kann zwar der Bauernaufstand als Zeichen des Widerstandes gegen eine sich neu etablierende Ordnung verstanden werden - der jedoch nicht von Erfolg gekrönt war. Den Territorialfürsten mit ihrer immer stärker zentralisierten Verwaltung gehörte Mitte des 16. Jahrhunderts die Zukunft.

1543: Nikolaus Kopernikus veröffentlicht seine These vom heliozentrischen Sonnensystem

Abbildung des Sonnensystems aus Band 13 von Meyers Konversationslexikon, 4. Aufl. (1885-1890)
(Abbildung: Wikimedia Commons)
Ähnlich wie die Entdeckung Amerikas bedeutete auch die These, dass die Erde zusammen mit anderen Planeten um die Sonne kreise, einen Bruch mit dem bisherigen Weltbild. Denn dass die Erde nicht mehr der fixe Punkt war, um den sich das ganze Universum drehte, bedeutete einen ziemlichen Bedeutungsverlust für unsere Welt.

Im mittelalterlichen Weltbild stand die Erde fest im Zentrum des Universums. Die Basis dieses geozentrischen Weltbildes legten griechische Philosophen wie Aristoteles. Claudius Ptolemäus machte im 2. Jahrhundert nach Christus dann das geozentrische Weltbild zum Allgemeinwissen der Gelehrten.

Doch Nikolaus Kopernikus hatte gute und kluge Argumente auf seiner Seite, um die Erde vom Zentrum des Universums zu einem unter vielen Himmelskörpern zu degradieren. Diese sogenannte "Kopernikanische Wende" soll das Denken der Menschen am Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit entscheidend verändert haben.

Dieser Holzschnitz, den vermutlich Tobias Simmer im Jahr 1578 anfertigte, soll auf einem Selbstporträt von Kopernikus basieren. (Abbildung: Bayerische Staatsbibliothek, Nikolaus Reusner, Contrafacturbuch, Straßburg 1587, fol. 23v.)

Fraglich ist jedoch, ob die Veröffentlichung der These von Kopernikus die Menschen damals tatsächlich vor eine so große Herausforderung stellte. Theologen akzeptierten das neue Modell - ohne größere Schwierigkeiten darin für die Religion zu erkennen. Zugleich akzeptierte man das heliozentrische Weltbild auch lange Zeit lediglich als eine akzeptable und gleichberechtigte Alternative zum geozentrischen Modell.

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3 Kommentare

  1. Schöne Übersicht! Eigentlich hast du ja gleich zu Beginn schon alles gesagt. Es sind nachträglich festgelegte Einschnitte und damit immer auch ein bisschen willkürlich. Außerdem kommt es auch immer darauf an, worüber man redet. Geht es zum Beispiel um südosteuropäische Geschichte, macht das Datum 1453 viel Sinn. Das Ende Byzanz' ist hier wirklich ein tiefer Einschnitt. Andererseits kam auch der nicht über Nacht und so ein Fixpunkt ist immer etwas fragwürdig. Zum Glück ist es letzten Endes aber eh wurscht. Epocheneinordnungen sind grobe Anhaltspunkte und man kann ja immer kurz ausführen, was man jetzt genau meint, wenn man Mittelalter sagt :)

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  2. Eine sehr schöne Übersicht. Kurz und präzise. Und mit Bildern! Vielen Dank :).

    Zwei, zugegebenermaßen nicht ganz ernst gemeinte, Ergänzungen hätte ich noch anzubringen.
    Man kann das Mittelalter auch klimatisch abgrenzen:
    Das Mittelalter würde dann mit dem Beginn der Kleinen Eiszeit enden.

    Oder, noch besser, man macht es an der Speisekarte fest:

    -Ende 13.Jh : Feigenanbau in Köln nicht mehr möglich

    -1544 Am spanischen Hofe nimmt man die erste Schokolade zu sich

    -ebenfalls 1544 beschreibt Pietro Andrea Mattioli ausführlich die Tomate

    -1570 Die erste urkundliche Erwähnung der Kartoffel auf europäischem Boden (Hospital de la Sangre in Sevilla)

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    1. Die kulinarische Abgrenzung des Mittelalters - ein sehr charmante Idee! Gefällt mir! :)

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