Palermo: Die prächtigsten Kirchen der Welt

Sizilien hat eine sehr bewegte Geschichte hinter sich. Auf der Mittelmeerinsel haben Phönizier, Griechen, Römer, Araber und viele ...

Sizilien hat eine sehr bewegte Geschichte hinter sich. Auf der Mittelmeerinsel haben Phönizier, Griechen, Römer, Araber und viele weitere Kulturen ihre Spuren hinterlassen. Zu den faszinierendsten Epochen in der Geschichte Siziliens gehört aber sicherlich die Herrschaft der Normannen zwischen etwa 1060 und 1194.

Schon in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts hatten normannische Krieger in Süditalien große Gebiete erobert. 1059 wurden diese Eroberungen dann auch ganz offiziell vom Papst bestätigt: Nikolaus II. belehnte den normannischen Anführer Robert Guiskard mit Apulien, Kalabrien und auch mit Sizilien.

Es sollte zwar noch bis 1072 dauern, bis die Normannen Palermo erobern konnten und erst 1091 fiel die letzte muslimische Bastion, doch die neuen normannischen Herren von Sizilien etablierten auf der Insel schnell eine sehr effektive Herrschaft über Araber, Juden, Griechen und lateinische Christen. Im Jahr 1130 stieg Herzog Roger II. von Sizilien sogar in den Rang eines Königs auf. Die Folge: Die normannischen Herrscher besaßen Macht und Reichtum wie sonst wenige im Mittelmeer.

Nirgends zeigt sich dieser Reichtum noch heute eindrucksvoller als bei den normannischen Kirchen von Palermo. Gleichzeitig sind die Bauten auch ein Zeichen der tiefen Frömmigkeit der Normannen und ihrer Orientierung an byzantinischen Vorbildern.

Direkt nebeneinander: La Martorana und San Cataldo zählen zu den außergewöhnlichsten Kirchenbauten Europas.

1. Die Cappella Palatina

Die Capella Palatina ist die Hofkapelle des Königspalastes von Palermo und dessen glanzvolles Zentrum. Errichtet wurde sie ab 1132 unter König Roger II., die Weihe erfolgte 1140. Besonders beeindruckend: Sämtliche Wände sind mit goldglänzenden Mosaiken aus dem 12. Jahrhundert verziert.

Die Palastkapelle ist ein Sinnbild für das Nebeneinander der verschiedenen Kulturen und Religionen auf Sizilien im 12. Jahrhundert: Architektur und Schmuck verbinden griechisch-byzantinische, lateinisch-romanische und auch islamische Elemente.

Schon der Grundriss verbindet zwei entgegengesetzten Bautraditionen: Der Chor hat einen zentralen Grundriss und ermöglicht so den Gottesdienst nach der griechischen Tradition. Das dreigeteilte Langschiff folgt dagegen dem Vorbild der westlichen Basilika.

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In den Reisemonaten ist man in der Cappella Palatina leider nie alleine - davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen.
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Im Chor sind die Mosaike horizontal zu lesen: Oben Christus, darunter die Engel, dann die Heiligen.
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Jede freie Fläche in der Cappella Palatina ist mit Mosaiken bedeckt.
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Im Langhaus müssen die Mosaike horizontal gelesen werden. Dann erzählen sie die Geschichte der Bibel, beginnend bei der Erschaffung der Welt.
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Detail: Der Turmbau zu Babel.
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Auch gegenüber vom Chor thront Christus. Darunter nahm der König Platz.
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Die kostbaren Bodenmosaike dürfen Besucher zum Glück nicht betreten.

Auch an den bombastischen Mosaiken zeigen sich die unterschiedlichen Traditionen: Im Chor sind die einzelnen Motive vertikal angeordnet, beginnend in der Kuppel. Dort thront Christus als alleiniger Herrscher des Universums. Darunter folgen Engel, die vier Evangelisten, der Heilige Paulus und Szenen aus dem Leben Christi.

Im Langhaus dagegen wird die biblische Geschichte in den Mosaiken horizontal erzählt: Beginnend mit der Schöpfung zeigen die kostbaren Mosaike wichtige Episoden aus der Bibel bis hin zum Jüngsten Gericht.

Die Decke wurde von arabischen Handwerkern als Muqarnas gefertigt. So bezeichnet man eine besondere Verzierung von Nischen und Kuppeln, die überall in der islamischen Architektur zu finden ist. Dabei werden sehr viele einzelne Spitzbögen ineinander und übereinander gesetzt, was oft ein bisschen an eine Tropfsteinhöhle erinnert.

Bemalte Muqarnas zieren die Decke in der Cappella Palatina.  Die Mosaike an der Längswand darunter zeigen von links nach rechts die Schöpfung des Menschen, den ruhenden Schöpfergott und Adam im Paradies mit dem verbotenen Baum. (Abbildung: Wikimedia Commons, José Luiz)
In der Capella Palatina haben Elemente des lateinischen und des griechischen Christentums ebenso ihren Platz wie islamische Stilelemente. Doch die einzelnen Elemente vermischen oder verschmelzen dabei nicht. Vielmehr legen sie sich übereinander wie einzelne Schichten, die klar unterscheidbar bleiben.

Damit ist die Palastkapelle auch ein Symbol für die Gesellschaft im normannischen Königreich: Jede Volks- und Sprachgruppe hatte im öffentlichen Leben eine bestimmte vom König zugeordnete Funktion und ihren festen Platz mit eigenen Rechten und Pflichten.

2. La Martorana (Santa Maria dell'Ammiraglio)

Von der Barock-Fassade aus dem 18. Jahrhundert darf man sich nicht täuschen lassen: Die Kirche Santa Maria dell'Ammiraglio ist ein mittelalterliches Bauwerk - und was für eines!

Gestiftet wurde die Kirche 1143 von Georg von Antiochien, einem orthodoxen Christen, der in Syrien zur Welt kam und deshalb arabisch sprach. Als Ammiratus Ammiratorum (lateinisch für "Emir der Emire") war Georg der wichtigste Mitarbeiter König Rogers II.

Von außen zeigt sich am Campanile, dem freistehenden Turm, deutlich der arabische Einfluss. Ansonsten ist die Kirche jedoch im byzantinischen Stil in Form eines Kreuzes errichtet: Unter einer zentralen Kuppel treffen die vier gleich langen Kreuzarme aufeinander. Leider wurde der Grundriss immer wieder ziemlich radikal umgebaut, weshalb man den ursprünglichen Zustand der Kirche nur noch erahnen kann.

Umso beeindruckender sind dafür die erhaltenen Mosaike. In der Mitte der Kuppel, an der höchsten Stelle im Inneren der Kirche, thront Christus. Ihn umgeben die vier Erzengel, darunter folgen die Evangelisten. Man merkt es gleich: Wie die Cappella Palatina ist auch La Martorana nach byzantinischen Vorbildern erbaut.

Ein weiteres Highlight sind diese beiden Mosaike im Eingangsbereich der Kirche:

Christus krönt den normannischen König Roger II., der die Tracht der byzantinischen Kaiser trägt
Georg von Antiochia, der Stifter der Kirche, kniet vor der Gottesmutter.

3. San Cataldo

Direkt neben La Martorana steht mit San Cataldo eine weitere Kirche, die von einem hohen Beamten eines normannischen Königs gestiftet wurde. Maio von Bari war der Nachfolger Georgs von Antiochien und diente König Wilhelm I., dem Sohn König Rogers II.

San Cataldo ist kein Zentralbau, sondern ein dreischiffiger Langbau. Und auch im Inneren unterscheidet sich die Kirche von der benachbarten La Martorana: Das Innere von San Cataldo ist komplett schmucklos! Statt goldener Mosaike beeindruckt hier die strenge Quaderung des Mauerwerks.

Lediglich der Boden mit seinen Mosaiken aus Porphyr und Serpentin bringt ein wenig Farbe in den Innenraum.

Über dem Mittelschiff thronen drei arabische Kuppeln. Ihr roter Anstrich ist der einzige Farbklecks am Äußeren der Kirche, denn auch hier ist alles aus glattem Stein. Ursprünglich waren aber auch die Kuppeln nicht farbig: Der Restaurateur Giuseppe Patricolo hat sie erst im 19. Jahrhundert rot angemalt.

Heute sind die Rittern vom Orden des Heiligen Grabes von Jerusalem für die Kirche verantwortlich. Ihr Zeichen, das fünffache Kreuz, ist deshalb im Altarraum präsent.

4. Die Kathedrale von Monreale

Der Bau der Kathadrale von Monreale war das Projekt König Wilhelms II. Die Entscheidung zum Bau erfolgte in einer Zeit der Spannungen zwischen dem normannischen König und dem Papst. Im Kern ging es bei der Auseinandersetzung - ähnlich wie beim Investiturstreit - um das Verhältnis von weltlicher und geistlicher Macht.

Von außen eher unscheinbar: Die Westfassade von Monreale mit nur einem vollendeten Turm.
Der Erzbischof von Palermo vertrat die päpstliche Position und hatte beim Tod König Rogers II. darauf bestanden, dass der König in Palermo bestattet wird, in der Kathedrale des Erzbischofs. So wollte der Erzbischof zeigen, dass die Kirche über dem Herrscher stand. Wilhelm II. wollte das nicht auf sich sitzen lassen - er empfand sich als König, der von Gott selbst eingesetzt worden war und nicht vom Papst.

Eine neue, eigene Kirche mit Kloster und Königsresidenz sollte diesen Anspruch Wilhelms für alle sichtbar machen. Der Baubeginn erfolgte wohl 1172, die Weihe der Kirche fand am 15. August 1176 statt. Acht Kilometer außerhalb von Palermo liegt Monreale auf einem Hügelkamm und überblickt von dort die ganze Bucht von Palermo.

Mosaike satt: Der Altarraum von Monreale.
Im Langhaus wird in horizontaler Bilderfolge die biblische Geschichte nacherzählt - natürlich auf Goldgrund.
König Wilhelm II. stattete das neue Kloster in Monreale mit vielen wichtigen Rechten aus. Der Abt von Monreale sollte weder dem König, noch dem Erzbischof von Palermo unterstellt sein, sondern lediglich dem Papst direkt. Als Zeichen seines Ranges durfte sich der Abt mit den Kleidern und Insignien eines Bischofs schmücken.

Die unglaublichen Besitzungen, die König Wilhelm II. dem Kloster übertrug, machten es zum reichsten und mächtigsten Kloster im normannischen Königreich: Ein Drittel der Inselfläche Siziliens gehörten dem neuen Kloster!

Macht und Reichtum spiegeln sich im Inneren der mächtigen Kathedrale: Über 6000 Quadratmeter goldener Mosaike strahlen dem Besucher der Kirche entgegen. Das ist fast ein komplettes Fußballfeld!

Die Grabmähler der König Wilhelm I. und Wilhelm II. befinden sich ebenfalls in der Kathedrale von Monreale.

5. Die Kathedrale von Palermo

Die Kathedrale von Palermo war die Antwort des Erzbischofs Walter auf Wilhelms Kirche in Monreale. Die alte Kathedrale war wohl schon 1169 durch ein Erdbeben beschädigt worden, der Neubau erfolgte 1184/85.

Der Charakter als Wehrkirche lässt sich trotz späterer Umbauten noch guter erkennen. Das Eingangsportal links und die Kuppel sind spätere Ergänzungen. (Abbildung: Wikimedia Commons, Kiban)
Besonders von außen beeindruckt die Kathedrale, die in Form einer normannischen Wehrkirche errichtet wurde und deshalb Schießscharten und kleine Türme an den vier Ecken hat. Ausgesprochen schön sind auch die arabesken Intarsien an den Apsiden.

Das Innere der Kathedrale von Palermo enttäuscht den Mittelalter-Fan: Hier wurde später im Stil des Klassizismus umgebaut.
Der Gang durch das spätgotische Zugangsportal verläuft enttäuschend: Das Innere wurde durch Umbauten am Ende des 18. Jahrhunderts im klassizistischen Stil ziemlich verunstaltet und passt so gar nicht zum spektakulären Äußeren. Dafür kann die Kathedrale von Palermo aber noch mit anderen mittelalterlichen Highlights glänzen!

Da wäre zum einen die Schatzkammer: Dort kann die Krone bestaunt werden, die Kaiser Friedrich II. seiner verstorbenen Frau Konstanze von Aragon mit ins Grab gegeben hat. Die Krone wurde nach byzantinischem Vorbild angefertigt und ist deshalb unter anderem mit seitlich herabhängenden Pendilien verziert.

In den königlichen Palastwerkstätten von Palermo ließ Kaiser Friedrich II. diese Krone anfertigen und gab sie seiner verstorbenen Frau mit ins Grab.
In einer Seitenkapelle befinden sich im Dom von Palermo außerdem die Kaisergräber von Friedrich II. und Heinrich VI. sowie die Gräber von König Roger II. und seiner Tochter Konstanze von Sizilien, der Mutter Friedrichs II.

Das Grabmahl von Kaiser Heinrich VI.
Das Grabmahl von Konstanze von Sizilien.
Das Grabmahl von Kaiser Friedrich II. in der Kathedrale von Palermo.
Die Porphyr-Sarkophage hatte ursprünglich Roger II. für sich und seine Nachfolger anfertigen lassen und in der Kathedrale von Cefalù aufgestellt. Doch weder bei der Bestattung Rogers II. in Palermo, noch bei den Beisetzungen von Wilhelm I. oder Wilhelm II. verwendete man die Sarkophage.

Bei den Sarkophagen orientierten sich die Normannen erneut an Byzanz: Porphyrstein war dort der einzige Bodenbelag, den die Füße des Kaisers berühren durften. Die Geburt des Kaisers fand sogar in einem komplett mit Porphyr verkleideten Raum statt! Mit der Verwendung dieses Steins stellte sich der normannische König auf eine Ebene mit dem byzantinischen Kaiser.

Der Leichnam Kaiser Friedrichs II. hat übrigens Gesellschaft in seinem Sarkophag: Auch König Friedrich III. (gest. 1338) und König Peter II. (gest. 1342) wurden im gleichen Sarkophag beigesetzt.

Neben den Kaisergräbern führt eine steile Wendeltreppe direkt aufs Dach der Kathedrale. Wer die Anstrengungen des Aufstiegs auf sich nimmt, wird mit diesem tollen Blick über Palermo belohnt:
Durch die Zinnen der Kathedrale von Palermo ist der nahe gelegene Königspalast zu sehen. Dort befindet sich auch die Cappella Palatina.

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