Der Wilde Mann

Der Weg durch einen finsteren und abgeschiedenen Wald konnte im Mittelalter zu einer ziemlich furchterregenden Begegnung führen –...

Der Weg durch einen finsteren und abgeschiedenen Wald konnte im Mittelalter zu einer ziemlich furchterregenden Begegnung führen – zumindest wenn man ein Ritter in der höfischen Welt von König Artus war. Denn irgendwo im tiefsten Wald, in der Wildnis, lauert er, der Wilde Mann:

Seine menschliche Gestalt
war überaus wild,
er gleich einem Mohren
war groß und so schrecklich,
dass es ganz unglaublich ist.
Wahrhaftig, sein Kopf
war größer als der eines Auerochsen,
der Kerl hatte
struppiges, rußschwarzes Haar,
das war ihm an Haupt und Bart
an der Haut ganz und gar verfilzt,
sein Gesicht war ellenbreit und
von tiefen Runzeln durchfurcht.
Dazu waren ihm die Ohren
wie einem Waldschrat
vermoost mit
spannenlangem Haar
und waren groß wie ein Fttertrog.
Der ungeschlachte Mann
hatte lange, zottige und graue
Barthaare und Augenbrauen.
Hartmann von Aue, Iwein, v.425-446.

Der Artusritter Kalogrenant lässt sich von dem Anblick nur kurz einschüchtern. Denn als Ritter ist er nur auf der Suche nach einem neuen Abenteuer, um seinen Rang und seine Ehre unter Beweis zu stellen. Der Wilde Mann ist für den schwer bewaffneten Krieger kein angemessener Gegner.

Doch der Wilde Mann kommt nicht nur in diesem Artusroman von Hartmann von Aue vor. Im Mittelalter wimmelt es nur so von Wilden Männern. Man findet sie in der Malerei, auf Spielkarten, auf Wappen und Münzen sowie in vielen literarischen Texten.

Zwei Wildmänner klettern zwischen Blattranken in dieser Handschrift aus der Mitte des 15. Jahrhunderts.
(Abbildung: Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 22, Bl. 287r)

Die Wilden Männer: Haarige und raue Gesellen

Egal wo er vorkommt – der Wilde Mann hat stets das gleiche Aussehen: Er ist stark behaart, aber nackt. Als Bekleidung trägt er höchstens Moos oder Laub. Er ist ein Einzelgänger und verfügt über enorme Kräfte. Meist trägt er eine Keule – oder gleich einen ganzen Baum – als Waffe bei sich. Durch seine Fähigkeit zum Gebrauch dieses einfachen Werkzeuges unterscheidet er sich auch von den Tieren.

Denn der Wilde Mann ist kein Tier – jedoch auch kein richtiger Mensch. Er ist irgendwo dazwischen anzusiedeln. Genauso wie seine Lebensweise: Er lebt im Wald, umgeben von wilden Tieren. In der Wildnis kommt er nicht in den Vorzug kultureller Errungenschaften. Betten, Häuser, Feuer oder andere Bequemlichkeiten kennt der Wilde Mann nicht.

Die Deutung des Wilden Mannes im Christentum

Sein Leben in der wilden Natur kann unterschiedlich gedeutet werden. Entweder sieht man im Wilden Mann ein primitives und halbtierisches Wesen, das in einem kulturlosen und verwilderten Zustand dahinvegetiert. Diese Lebensweise kann jedoch auch positiv interpretiert werden. Dann wird der Wilde Mann zu einem naturverbundenen Wesen, das in einem paradiesischen Zustand lebt.

Für die christlichen Prediger stand der Wilde Mann außerhalb der göttlichen Schöpfung. Er war kein Teil der menschlichen Gemeinschaft, denn er kennt die gesellschaftlichen Normen und Regeln nicht. Er steht vielmehr für das Lasterhafte, das Unausgebaute und das Unheilvolle.

Das Höfische und das Wilde: Ein Ritter rettet eine höfische Damen aus den Fängen eines Wilden Mannes. Abbildung aus einem englischen Stundenbuch aus der 2. Hälfte des 14. Jahrhhunderts. (Abbildung: British Library, Yates Thompson 13 f. 63.) 

Der Wilde Mann als Gegenbild zur höfischen Welt

Der Wilde Mann ist damit auch ein Gegenentwurf zum tugendhaften und strahlenden höfischen Ritter. Als der Artusritter Kalogrenant auf den Wilden Mann trifft, grenzt er sich deshalb sofort von dem behaarten Waldbewohner ab:

Sieh her, welche Rüstung ich trage.
Man nennt mich Ritter, und ich habe die Absicht
auszureiten auf der Suche
nach einem Mann, der mit mir kämpfe
und der Waffen trägt wie ich.
Hartmann von Aue, Iwein, v. 529-533

Im weiteren Verlauf des Romans wird der Titelheld Iwein ebenfalls ausreiten, um das Abenteuer zu suchen. Als siegreicher Ritter heiratet er dabei eine Königen (deren Ehemann er zuvor eigenhändig erschlagen hatte). Iwein schwört seiner neuen Ehefrau die ewige Treue, doch er bricht seinen Schwur.

Als ihm sein Fehlverhalten bewusstwird, wird Iwein wahnsinnig. Aus dem höfischen Ritter wird ein nackter Waldbewohner – Iwein fällt zurück auf eine niedrigere Kulturstufe und lebt wie ein Wilder Mann im Wald. Erst als drei höfische Damen ihn mit einer Zaubersalbe eincremen und waschen, erinnert er sich wieder an seinen höfischen Rang. Auch hier ist das Wilde das Gegenbild zur höfischen Welt.

Abbildung eines Wilden Mannes aus einem englischen Stundenbuch aus der 2. Hälfte des 14. Jahrhhunderts. (Abbildung: British Library, Yates Thompson 13 f. 60v.)


Wilde Männer in anderen Kulturen

Nicht nur das christliche Mittelalter kennt die Figur des Wilden Mannes. Im altbabylonischen Gilgamesch-Epos lebt zum Beispiel Enkidu, der Gefährte des Titelhelden Gilgamesch, zunächst auch als wildes und tierähnliches Menschenwesen in der Wüste. Eine Dirne verführt Enkidu schließlich (nicht nur) mit den Vorzügen der Zivilisation. Eine Rasur vollendet die Menschwerdung Enkidus.

Im Alten Testament stehen sich Wildnis und Kultur in Form der Brüder Esau und Jakob gegenüber. Esau ist der ältere Bruder, der seinen Instinkten vertraut und als stark behaarter Jäger lebt. Der jüngere Jakob ist dagegen ein intellektueller Stadtbewohner, der Pflanzen kultiviert und von der Landwirtschaft lebt. Während Jakob zum Stammvater der Zwölf Stämme Israels wird, sind die Nachfahren des Esau, die Edomiter, ein einfaches Bergvolk.

Der Wilde Mann und die Bergleute

In der mittelalterlichen Literatur sind es oft Ritter oder Jäger, die im Wald auf den Wilden Mann treffen. Im Spätmittelalter ändert sich das: Nun sind es Bergleute, die in den entlegenen Bergregionen den Wilden Mann aufstöbern.

Das hat mit den neuen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun: Um neue Rohstoffquellen zu finden, dringen die Menschen im Spätmittelalter in gebirgigen Regionen Europas vor, die zuvor niemand betreten hatte. Dort sind sie ganz neuen und bedrohlichen Gefahren der Natur ausgesetzt.

Im Zuge der Erschließung dieser Gebiete für den Bergbau wandelt sich auch das Bild des Wilden Mannes. Er wird jetzt zu einem positiven Symbol des Reichtums, den die Bergleute aus der Natur gewinnen können.

Die Folge: Der Wilde Mann wird zu einem beliebten Motiv auf Wappen und Münzen, vor allem in Bergbauregionen. Besonders in den deutschen Mittelgebirgen nehmen viele Städte den Wilden Mann in ihr Wappen auf. Die 1529 gegründete Bergbaustadt Wildemann im Harz wird sogar nach dem Wilden Mann benannt. Auch eine Münze namens Wildmannstalter wird geprägt.

Noch heute findet man den Wilden Mann auf vielen Wappen in ganz Europa:


Ein Wilder Mann hält ein Schild und ein Banner mit dem Wappen des Königs von England.
(Abbildung: Guyart des Moulins, La Bible historiale, circa 1470, British Library, Royal 15 D I   f. 18)

Das Große Wappen des Deutschen Kaisers (1871-1918): Zwei wilde Männer als Schildhalter für das goldene Schild mit dem deutschen Reichsadler. (Abbildung: Wikimedia Commons, David Liuzzo)
Wappen von Prince Philip (geb. 1921) , Duke of Edinburgh, Prinzgemahl der britischen Königen Elisabeth II.: Ein wilder Mann in der griechischen Version als Herakles mit Löwenfell. (Abbildung: Wikimedia Commons, Sodacan)


Wappen von Lappeenranta in Finnland (Abbildung: Wikimedia Commons, Care)

Wappen von Wildemann im Oberharz (Abbildung: Wikimedia Commons)

Wappen des Fürstentums Schwarzbug-Sondershausen: Ein Paar aus wildem Mann und wilder Frau hält das Schild. (Abbildung: Hugo Gerhard Ströhl (1851-1919), Wikimedia Commons

Fastnacht: Der Wilde Mann verliert seinen Schrecken

Gleichzeitig zu dieser neuen, positiven Interpretation des Wilden Mannes, verliert der Waldbewohner auch zunehmend seinen Schrecken. Besonders in der Fastnacht tritt der Wilde Mann jetzt als eine gottesferne Kreatur des Teufels auf. Der Wilde Mann wird so zu einer Narrenfigur.

Bei diesem Tanz der Wilden Männer lief nicht alles nach Plan - sie brennen. (Abbildung: British Library, Harley 4380 f. 1)

Bei höfischen Festen dienen Auftritte Wilder Männer der Unterhaltung. König Karl VI. von Frankreich ließ zum Beispiel auf dem „Bal des ardents“ im Jahr 1392 als Wilde Männer verkleidete Fackeltänzer ein Schauspiel aufführen. Die Choreographie war jedoch wohl ein wenig zu extravagant: Der Ball endete in einer Brandkatastrophe.

Literatur zum Wilden Mann

Ott, N.H.: Art. „Wildleute“. In: Lexikon des Mittelalters. Stuttgart 1999, Bd. 9, cols. 120-121.
Hintz, Ernst Ralf: Der Wilde Mann – ein Mythos von Andersartigen. In: Müller, Ulrich (Hg.): Dämonen, Monster, Fabelwesen. St. Gallen 1999, S. 617-626.

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