10 kreative Wege, um im Mittelalter an Reliquien zu gelangen

Aktuell sorgt ein ungewöhnlicher Diebstahl für Schlagzeilen: Aus dem Kölner Dom wurde eine Reliquie mit einem Blutstropfen von...

Aktuell sorgt ein ungewöhnlicher Diebstahl für Schlagzeilen: Aus dem Kölner Dom wurde eine Reliquie mit einem Blutstropfen von Papst Johannes Paul II. entwendet. Die Kölner Kirche schmerzt der Verlust sehr, inzwischen ist man sogar bereit, für Hinweise zur Wiederbeschaffung eine Belohnung von 1500 Euro zu zahlen.

Diebstahl von Reliquien ist kein neues Phänomen, schon im Mittelalter versuchte man so gut wie alles, um eine Reliquie in seinen Besitz zu bekommen. Dabei ist der materielle Wert des Diebesguts eigentlich eher gering: Reliquien sind nichts Anderes als Körperteile verstorbener Heiliger. Weitaus größer ist natürlich die religiöse Bedeutung dieser „Überbleibsel“ (lat. reliquiae). Nach dem Tod trennt sich in der christlichen Vorstellung die Seele vom Körper und kommt ins Jenseits. Die Seelen der Heiligen sind dort wahre VIPs: Sie befinden sich in direkter Nähe zu Gott und können diesen dazu bringen, im Diesseits Wunder für die Gläubigen zu bewirken. Die Seele bleibt weiterhin mit ihrem irdischen Körper in Verbindung, weil beide am Tag des Jüngsten Gerichts wieder vereint werden. Der Leichnam des Heiligen ist deshalb für die Gläubigen der direkte Draht ins Jenseits und zu Gott. Der Wert von Reliquien ist damit kaum zu ermessen.

Ganzkörperreliquie des Heiligen Hyacinthus. Gold und Diamanten sind Schmuck, um den enormen Wert der
Reliquie zu unterstreichen.(Abbildung: Wikimedia Commons, Richard Huber)
Dadurch stellt sich natürlich unweigerlich ein Problem: Wie gelangt man in den Besitz eines Heiligenleichnams? Hier sind 10 kreative Wege, wie man im Mittelalter versuchte, eine Reliquie zu ergattern:

(1) Wunder

Das Wunder ist sicherlich der eleganteste Weg, um im Mittelalter an eine Reliquie zu gelangen. Jacobus de Voragine erzählt im 13. Jahrhundert zum Beispiel folgende Geschichte: Ein Mönch aus Rouen reist in das Katharinenkloster auf dem Sinai und fleht die Heilige Katharina sieben ganze Jahre lang an, sie möge ihm einem Teil ihres Leichnams schenken. Plötzlich fällt dann tatsächlich ein Finger vom toten Körper der Heiligen ab. Glücklich kehrt der Mönch in sein Kloster in der Heimat zurück. Hier zeigt sich der besondere Status des toten Körpers der Heiligen: Der Heilige Leichnam ist nach der mittelalterlichen Vorstellung ein selbstbestimmtes Wesen, das aktiv handeln kann. Der fromme Mönch wird so von der Heiligen belohnt.

(2) Suche

Helena findet das wahre Kreuz Christi, Abbildung aus MS
CLXV, Bibliotheka Capitolare, Vercelli, circa 825
(Abbildung: Wikimedia Commons)
Alls Gläubiger kann man sich im Mittelalter auch aktiv auf die Suche nach bislang verschollenen Reliquien machen. Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, ist sicherlich das prominenteste Beispiel einer Reliquiensucherin. Sie geht ziemlich gründlich vor: Auf einer Reise nach Palästina sucht Helena nach Reliquien der Passion Christi und findet unter anderem einige Teile des Kreuzes Christi. Diesem Beispiel folgend schickt Mitte des 6. Jahrhunderts Radegunde, die Äbtissin eines Frauenklosters in Poitiers, eine Gesandtschaft nach Jerusalem, um dort Leichenteile des Märtyrers Mamas zu erwerben.

(3) Streit

Nicht immer gestaltete sich der Reliquienerwerb so friedlich. Zum Teil kommt es zu gewaltsamen Konflikten um die sterblichen Überreste. Als der Heilige Martin im Dorf Candes schwer erkrankt, versammeln sich sofort Gläubige aus Tours und Poitiers. Kaum ist der Heilige verstorben, geraten die Menschen in erbitterten Streit um die Leiche. Laut dem Geschichtsschreiber Gregor von Tours bringt ein Wunder schließlich die Entscheidung: Während der gemeinsamen Nachtwache schlafen die Bewohner von Poitiers ein. Die Gläubigen aus Tours reagieren blitzschnell auf dieses göttliche Zeichen: Sie schaffen den Leichnam umgehend in ihre Stadt. Der Bericht Gregors ist natürlich auch eine geschmeidige Rechtfertigung für den Diebstahl des Leichnams durch seine Mitbürger aus Tours.

(4) Diebstahl

Andere Diebstähle lassen sich weniger gut rechtfertigen. In der Mitte des 9. Jahrhunderts blickt man im Kloster Conques in Südfrankreich neidisch auf das benachbarte Kloster Figeac. Dort blüht das geistliche Leben und die Gläubigen strömen scharenweise in die Kirche. Conques hat dagegen zwei entscheidende Nachteile: Zum einen liegt das Kloster nicht besonders verkehrsgünstig und zum anderen fehlen wirkmächtige Reliquien. Doch man weiß sich zu helfen: Im Kloster Agen befinden sich die Gebeine der Heiligen Fides, einer 12-jährigen Märtyrerin aus dem 4. Jahrhundert. Die Mönche aus Conques schleusen einen ihrer Brüder im Kloster Agen ein, der angeblich zehn Jahre lang auf den richtigen Moment wartet. Eines nachts ist es dann so weit: Der Mönch aus Conques ist endlich alleine mit dem Leichnam der Heiligen – und stiehlt ihn. Von nun an wirken die Reliquien in Conques ihre Wunder und bescheren dem Kloster einen wirtschaftlichen Aufschwung.

Reliquiar, in dem die Reliquien der Hl. Fides in
Conques heute aufbewahrt werden
(Abbildung: Wikimedia Commons, ZiYouXunLu)

(5) Schlichtung

Nicht alle Streitigkeiten lassen sich durch ein Wunder oder den Diebstahl der Leiche beenden. Auch beim Tod von Robert von Arbrissel im Jahr 1116 kommt es zu Streitigkeiten. Der Verstorbene steht im Ruf der Heiligkeit und äußert vor seinem Tod den Wunsch, in einem einfachen Erdgrab in seinem Kloster Fontevraud bestattet zu werden. Doch auch in Orsan, wo Robert verstirbt, meldet man Ansprüche auf den Leichnam an. Man einigt sich schließlich Salomonisch: Der tote Körper wird kurzerhand zerlegt – so erhalten beide Seiten Reliquien. Das Herz Roberts wird in der Abtei von Orsan bestattet, sein Leichnam im Kloster Fontevraud.

(6) Initiative

Personen, die man schon zu Lebzeiten für Heilige hält, ziehen auf dem Sterbebett gesteigerte Aufmerksamkeit auf sich. Die Menschen erkennen „in den heiligmäßig Lebenden Personen den zukünftigen Leichnam“ (Schmitz-Esser, Leichnam, S. 130). Natürlich kann man schon vor dem Ableben des Heiligen die Initiative ergreifen: Der Heiligen Franz von Assisi wird zum Beispiel im Bischofspalast eingesperrt, um sicher zu gehen, dass Franz auch wirklich in Assisi stirbt. Als Anselm von Canterbury auf einer Reise in Jumièges schwer erkrankt, sehen die Bewohner der Stadt schon die Chance gekommen, sich seinen Leichnam als Reliquie zu sichern. Doch Anselm erholt sich wieder. In Jumièges reagiert man darauf mit Enttäuschung und Zorn – schließlich hatte man sich schon auf eine wertvolle Reliquie gefreut.

(7) Gewalt

Besonders rabiat geht Hugo von Lincoln mit den Leichen von Heiligen um. Einmal beißt er aus dem Armknochen der Maria Magdalena mit seinen Zähnen ein Stück ab, ein andern Mal bricht er dem Heiligen Nicasius das Nasenbein aus dem Schädelknochen heraus. Hugos Taten klingen für uns heute wie Leichenschändung, doch seine Zeitgenossen sehen wenig Anlass für Kritik. In der Vorstellung der mittelalterlichen Menschen hat der Heilige durchaus die Möglichkeit, sich gegen eine solche Behandlung seines Leichnams zu wehren und sie zu verhindern. So kann Bernhard von Clairvaux dem Leichnam des Heiligen Caesarius selbst mit einem Messer keinen einzigen Zahn entfernen. Das gelingt erst, als Bernhard zum Heiligen betet.

(8) Plünderung

Noch brutaler gehen die Menschen mit dem Leichnam der Heiligen Elisabeth von Thüringen um. Als sie im November 1231 stirbt und in Marburg aufgebahrt wird, richten Gläubige den Körper der Toten ziemlich übel zu: Sie schneiden ihr Kopfhaare, Fingernägel, Ohrläppchen und sogar die Brustwarzen ab. Die Plünderung und Zerstückelung der Leiche erfolgt auch hier in der Hoffnung, so an die Reliquie einer Heiligen zu gelangen, um damit einen unmittelbaren Zugang zum Ohr Gottes zu erhalten.

Reliquiare sehen oft aus wie die Körperteile, die in ihnen enthalten sind. In diesem
Armreliquiar aus dem 15. Jahrhundert befinden sich der linke Oberarm sowie die rechte
Elle und Speiche von Kaiser Karl dem Großen
(Abbildung: Wikimedia Commons, ACBahn)

(9) Kauf

Wer nie in das zweifelhafte Vergnügen kommt, sich auf solche Weise eigenhändig mit Leichenteilen zu versorgen, dem bleibt im Mittelalter noch eine letzte Möglichkeit: Der Kauf von Reliquien. Das ist zwar offiziell durch die Kirche verboten, doch wen kümmern solche Verbote schon angesichts der verlockenden Aussicht auf einen direkten Draht ins Jenseits?! Auch hohe Geistliche kommen so in den Besitz von Reliquien: Im Jahr 1032 kauft etwa der Erzbischof Aethelnoth von Canterbury in Padua einen Arm des Heiligen Augustinus. Ausdrücklich erlaubt war der Kauf von Reliquien aus den Händen von „Ungläubigen“. Nach er Eroberung Jerusalems durch Saladin zahlen die Christen zum Beispiel eine enorme Summe, um von den Muslimen erbeutete Reliquien zurückzuerhalten.

(10) Fälschung

Der Bedarf an Reliquien ist im Mittelalter so konstant hoch, dass er kaum mit echten Leichenteilen gedeckt werden kann. Schon Augustinus berichtet im 4. Jahrhundert von herumziehenden Mönchen, die unechte Reliquien verkaufen. Erwirbt man im 12. Jahrhundert von zwielichtigen Händlern Knochensplitter von Heiligen, dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass es eigentlich gewöhnliche Tierknochen sind. In Rom werden unzählige Leichen ausgegraben, um sie anschließend als die Gebeine lokaler Heiliger zu verkaufen. Die Fälscher betreiben zum Teil erheblichen Aufwand: Gregor von Tours berichtet von einem Reliquienfälscher, der aus Wurzeln, Maulwurfszähnen, Bärenklauen und Bärenfett die vermeintlichen Gebeine zweier Märtyrer fertigt. Immer wieder verurteil die Kirche die Reliquienfälscher. Allein: Es hilft nichts. Der Wunsch nach Reliquien ist auch unter den einfachen Leuten im Mittelalter einfach zu groß.

Literatur

Geary, Patrick J.: Furta sacra. Thefts of Relics in the Central Middle Ages, Princeton ²1990.
Herrmann-Mascard, Nicole: Les reliquies des saints. Formation coutumière d’un droit, Paris 1975 (=Societé d’Histoire du Droit. Collection d’Histoire Institutionelle et Sociale 6).
Mayr, Markus: Geld, Macht und Reliquien. Wirtschaftliche Auswirkungen des Reliquienkultes im Mittelalter, Innsbruck/München 2000.
Schmitz-Esser, Romedio: Der Leichnam im Mittelalter. Einbalsamierung, Verbrennung und die kulturelle Konstruktion des toten Körpers, Ostfildern 2014 (=Mittelalter-Forschungen, Bd. 48), S. 129-137.
Schreiner, Klaus: “Discrimen veri ac falsi”. Ansätze und Formen der Kritik in der Heiligen- und Reliquienverehrung des Mittelalters, in: Archiv für Kulturgeschichte 48 (1966), S. 1-53.

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